Vladimir Malakhov

"Ich weiß, dass ich nicht ewig tanzen kann"

Wie ein kleiner Junge genießt es der große Vladimir Malakhov, in der "Wüste" aus weichen Korkflocken, die eigens für die Proben zu "Peer Gynt" aufgeschüttet wurden, zu posieren. Er probt die Titelrolle in Heinz Spoerlis Ballett, das am Freitag Premiere in der Deutschen Oper hat.

Ein bisschen Mut muss sich der bald 44-Jährige, der früher als "fliegender Vladimir" verehrt wurde und nun seit Jahren an Verletzungen laboriert, auch zusprechen. Volker Blech sprach mit dem Intendanten über Entwicklungen im Staatsballett, über Primaballerinen und seinen bevorstehenden Abschied als Tänzer. Malakhov selbst sagt, vielleicht in einer Saison.

Berliner Morgenpost: Was ist für Sie der Mythos Peer Gynt?

Vladimir Malakhov: Er ist ein ganz normaler Mensch. Er ist unzufrieden mit seinem Leben und möchte immer mehr, mehr, mehr haben. Er ist ein Abenteurer, der glaubt, er könne alles machen, was er will. Und alles fliegt ihm zu, die Mädchen, das Geld. Am Ende hat er alles verloren. Das Image bleibt, ja, aber nichts Reales.

Berliner Morgenpost: Das klingt ein wenig nach Künstlerleben?

Vladimir Malakhov: Vielleicht, dieses Auf und Ab, das Weiß und Schwarz, das Süß und Sauer ist immer da, auch bei Künstlern.

Berliner Morgenpost: Und wie viel steckt von Ihnen in der Rolle?

Vladimir Malakhov: Na Moment, ich glaube, es ist schon typischer für Menschen mit anderen Berufen. Wir Tänzer bewegen uns immer auf zwei Linien: im Künstlerischen und im Privaten, der Beruf ist uns extrem wichtig.

Berliner Morgenpost: Der Peer Gynt ist mit Ihnen als Tänzer und mit Sebastian Hülk als Sprecher besetzt.

Vladimir Malakhov: Es ist für mich das erste Mal, dass ich mit Opernsängern und einem Schauspieler arbeite. Das ist insofern eine Herausforderung, weil ich jetzt ganz andere Reaktionen zeigen muss als Tänzern gegenüber. Von Zeit zu Zeit muss ich auch improvisieren. Dann habe ich einen Schritt gemacht, fühle aber, es muss noch weiter gehen. Wir haben wirklich spannende Proben.

Berliner Morgenpost: Choreografin Sasha Waltz will ihre Tänzer mehr singen lassen, es gibt zunehmend artistische Elemente im klassischen Ballett. Ist das Ballett in Auflösung?

Vladimir Malakhov: Natürlich nicht, aber wir können vielleicht künftig viel mehr machen. Das Zusammenspiel mit Schauspiel und Ballett ist wirklich interessant. Auch bei Heinz Spoerlis "Peer Gynt" gibt es eine gute Balance zwischen Gesang, Schauspiel und Ballett, wobei das Ballett natürlich die Mehrheit hat. Auch das Verhältnis zwischen Griegs romantischer Musik und der Moderne von Brett Dean und Mark-Anthony Turnage ist gut gewogen.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihnen näher, die klassisch-romantische Ballettmusik oder die Moderne?

Vladimir Malakhov: Ich bin kein großer Fan der zeitgenössischen Musik. Wenn wir anderthalb Stunden lang danach tanzen müssen, werde ich verrückt. Aber vielleicht ist es ein Lernprozess. Ähnlich wie bei Alter Musik. Ich erinnere mich noch, wie ich in Salzburg das erste Mal Monteverdis "Krönung der Poppea" hörte. Meine Güte, dachte ich damals, wie furchtbar. Mittlerweile finde ich das Stück wirklich schön. Aber gerade die Moderne ist für Tänzer auch eine enorme Herausforderung, er muss viel mehr zählen. Es geht nicht mehr allein auf ein-zwei-drei-vier, die Musik folgt anderen Regeln.

Berliner Morgenpost: Dieser Tage sagt Ihnen Choreograph Heinz Spoerli, wo es langgeht. Sie sind nur der Solist, kein Intendant. Wie fühlt sich das an?

Vladimir Malakhov: Es ist doch völlig normal, dass ein Choreograph kommt und ich mit ihm arbeite. Ich bin Tänzer. Und wenn ich aus der Probe rausgehe, bin ich wieder der Intendant und kann alles diskutieren. Ich habe eine große Disziplin in mir. Dazu gehört auch, dass ich einem Choreographen zuhöre.

Berliner Morgenpost: Choreographien werden in den Körper eingeschrieben...

Vladimir Malakhov: Nein, es sind zunächst nur die Schritte. Es ist wie ein Computerprogramm, rechts, links, vor, zurück. Und dann liegt es an dir, diese Schritte mit Farben, mit Gefühl zu füllen. Wann drehe ich mich ein, wann schließe ich die Augen, welche Geste gehört dazu. Die Schritte kommen immer aus der Musik heraus.

Berliner Morgenpost: Als Peer Gynt sind Sie von Primaballerinen geradezu umstellt. Braucht eine Compagnie so viele Erste Tänzerinnen?

Vladimir Malakhov: Zunächst einmal hat Heinz Spoerli die Besetzung gemacht. Natürlich wollte er das Beste vom Besten haben. Außerdem haben wir im Staatsballett gar nicht so viele Erste Solisten, gerade mal fünf Männer und sieben Frauen. In Hamburg und München sind es ähnlich viele. Aber alle meine Ballerinen haben Spitzenqualität. Plus das gewisse Extra. Nadja Saidakova ist sehr gut im Modernen, Polina Semionova dagegen im Klassischen. Und so werden sie für bestimmte Rollen ausgewählt. Manchmal kommt eine Ballerina zu mir und fragt, warum sie diese oder jene Rolle nicht bekommt. Dann muss ich erklären, dass ich sie nicht in dieser Rolle, sondern in einer anderen sehe. Aber man kann als Leiter einer großen Compagnie sowieso nie alle glücklich machen.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie einen Schritt neben sich treten und auf Vladimir Malakhov schauen. Was sehen Sie zuerst: den Tänzer oder den Intendanten?

Vladimir Malakhov: Im Moment ist es 50-50. Wobei ich als Intendant natürlich auch nicht alles selber machen, aber kontrollieren muss. Ich habe viele gute Leute um mich herum. Das Staatsballett ist wie eine Pyramide, ein geschlossenes System mit guter Kommunikation. Der Übergang vom Tänzer zum Intendanten ist gar nicht mehr weit. Dass ich nicht ewig tanzen kann, weiß ich doch. Ich muss der Compagnie als Leiter vorstehen. Aber ich tanze längst nicht mehr so viele Vorstellungen wie früher. Noch bin ich in einer Kondition, die es mir erlaubt zu tanzen. Wobei es mir egal ist, ob ich die Premiere oder die zweite, dritte Vorstellung tanze. Hauptsache, ich bin auf der Bühne. Jetzt wollte Heinz Spoerli, dass ich die Premiere tanze.

Berliner Morgenpost: Gehen Sie mit der Premiere nicht ein tänzerisches Risiko ein?

Vladimir Malakhov: Nein, ich habe keine Angst. Ich bin ein Steinbock, die haben einen starken Willen und Disziplin. Und "Schwanensee" ist technisch dagegen wirklich schwierig. Dabei hatte ich mich vor Jahren einmal verletzt, war auf der Treppe ausgerutscht und bekam das Problem mit dem Meniskus. Deshalb tanze ich "Schwanensee" auch nicht mehr. Ich tanze sowieso von Jahr zu Jahr weniger. Irgendwann wird es meine Abschiedsvorstellung geben. Aber ich kann nicht genau sagen, wann das sein wird. Vielleicht in einer Spielzeit.

Peer Gynt Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Premiere: 18. November, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 20., 25. 28. u. 29. November