Internet

Einer muss der Letzte sein

Am 10. Oktober schrieb ich eine Mail: "Ok, ich habe aufgegeben. als letzter weltweit bin ich nun auch bei facebook" und versandte sie an 20 Menschen, mit denen ich in diesem Leben mindestens einen Kaffee getrunken habe. Nach einer Stunde hatte ich meinen ersten Freund.

Das war ein aufmunterndes Zeichen. Schließlich sind erste Freundschaftsanfragen wie die schüchterne Frage auf dem Schulhof, ob sie mit einem gehen möchte. Da will man auch nicht ewig hingehalten werden.

Heute habe ich exakt 50 Freunde. Eine überproportional hohe Anzahl davon trägt Sonnenbrillen, die ihnen einen mafiösen Charme verleihen und mir eine halbseidene Aura geben (danke). Es sind eine Menge Arbeitskollegen darunter, auch einer, der Schwierigkeiten hat, mich auf dem Flur zu grüßen, und mir trotzdem eine Freundschaftsanfrage geschickt hat. Ich halte es immer noch für frivol, mich auf einmal mit Menschen zu befreunden, mit denen ich eben nie einen Kaffee trinken würde (ohne mich tödlich zu langweilen). Ich weiß aber, dass ich mich an der Front entspannen sollte. Skurril bleibt nichtsdestotrotz, dass ich im Begriff bin, eine interessante Sammlung an exotischen Tänzerinnern aufzubauen.

In meinem Prä-Facebook-Leben konnte ich meine Abstinenz immer ganz komfortabel begründen. Ich sitze schon genug vor dem Computer, da brauche ich kein soziales Netzwerk. Ansonsten stand ich dem Unterfangen freundlich-indifferent gegenüber. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, aber immer wenn Ilse Aigner sich aufmachte (und die Verbraucherministerin machte es oft genug), Facebook zu mehr Datenschutz zu ermahnen, dachte ich mir: Jetzt müsse ich erst recht zu Facebook, schon allein wegen ihres blöden Paternalismus. Das Gequengel über Facebook gleicht jedem anderen ideologischen Streit: Stets sind es die Mahner, die Besorgten, die Aufrüttler, die (ungefragt und unaufgefordert) auf den anderen aufpassen wollen. Die andere Gruppe, die per se nicht so leicht auszumachen ist (schon allein weil sie Gruppenbildungen misstraut), sagt: Vielen Dank, ich brauche eure Hilfe nicht. Ich passe allein auf mich auf. Und jetzt bitte raus meinem Leben.

Am Ende war es aber wohl Gruppendruck. Eine Freundin sagte, dass es einfach so sei wie mit dem Mobiltelefon, man müsse es einfach haben, ob man es nun wolle oder nicht. Das traf mich, ohne Facebook zu leben, erschien mir immer mehr ein Makel zu sein, der einen alt wie Breitcordhosen macht. Kurz vor den Herbstferien kamen wir in einer Redaktionskonferenz auf soziale Netzwerke zu sprechen und eine bedrückende Mehrheit glaubte, dass ein Journalist ohne Facebook keine Zukunft habe. Als ich Konferenz verließ, fürchtete ich, dass an meinem Arbeitsplatz eine Olivetti-Schreibmaschine auf mich wartet. Der dritte Grund war Neugier. Wenn 21 Millionen Deutsche Mitglied bei Facebook sind, dann muss da auch was Tolles passieren.

Ein paar Überraschungen warteten in der Tat auf mich, nachdem ich mich angemeldet hatte. So wollte ich erfahren, was aus dem einen oder anderen geworden ist. Jeder könnte dann die eigenen Niederlagen mit denen des anderen abgleichen und versichern, sie oder er hätte sich aber gut gehalten. Doch es sind erstaunlich viele Menschen nicht bei Facebook. Als ich nach Namen von Freunden aus der Schulzeit (was nicht einfach war, irgendwas mit Joachim. Oder Johannes?) wurde ich genauso wenig fündig wie bei früheren Kommilitonen. Eine Depression (Jahrgang 1964, dachte ich in einem flüchtigen Augenblick des Selbstmitleides, ist eine erledigte Generation, die das Kleingeld des Lebens zusammensammelt) stellte sich nur deshalb nicht ein, weil auch Dreißigjährige, denen ich eine Anfrage an ihre private Mailadresse geschickt hatte, nicht bei Facebook sind. Ich war nicht der einzige, der es verpasst hatte und dem es jetzt irgendwie unangenehm war, noch mitzumachen. An dieser Stelle kommt der appellative Aspekt des Berichts: Habt keine Angst. Es ist nie zu spät. Es ist halt nur ein wenig peinlich.

Denn wer so spät kommt, muss auch kleine Demütigungen einstecken. Wie ich zum Glück erst im Nachhinein, genau genommen erst gestern erfuhr, stand in der Anfangszeit auf meiner Seite - ohne das ich es sehen konnte - bei meinen Freunden rechts in der Leiste: "Matthias ist neu bei facebook. Hilf ihm, Freunde zu finden." Gibt es etwas Entwürdigenderes? Auf einmal ist man der leicht zurückgebliebene Cousin, der immer vor sich hinsabbert und trocken getupft werden muss.

Die Facebook-Welt teilt sich in Konsumenten und Produzenten. Es gibt einige, die täglich berichten, in wie viel Minuten sie Feierabend haben, welche originellen Läden sie ausgemacht haben und wo sie heute Abend zu finden sein werden. Oder, das ist natürlich die Journalisten-Macke, man postet, welche Artikel besonders gut oder originell sind (mein Favorit ist die Überschrift aus einer Landwirtschaftszeitung: "Sperma kann billiger werden." Abgebildet ist eine selbstzufriedene Kuh). Auffällig ist, dass sich überhaupt niemand über den Wahnsinn rund um Griechenland äußert; wenn nicht einer mal am Rande den Tod Ghaddafis erwähnt hätte, man würde meinen, in einem zeitlosen Universum zu leben. Was auch etwas Entspannendes hat.

Und dann gibt es noch die Konsumenten, die die Nachrichten aller möglichen Onlineseiten abonniert haben. Ich gehöre dazu und finde es sehr praktisch, dass mir Slate, Salon, Vice, NME und all die anderen mir die Nachrichten zuschicken, wenngleich mir es weiterhin suspekt ist, dass Journalisten/Verlage ihre Inhalte umsonst weiterleiten. Unentschlossen bin ich, ob ich eigene Artikel posten soll. Der eitle Teil in mir sagt ja, der Stilberater in mir lehnt allein das Gedankenspiel ab. Mein Problem ist: Mir gefällt der "Gefällt-mir- Button". Er ist wie ein Schulterklopfen, ein "gut gemacht, Junge". Von so etwas kann man ja nie genug bekommen.

Ich habe interessante Freunde. Wie die lateinamerikanische Lesbe Carmen Maria, wohnhaft in Kalifornien, auf mich kam, hätte ich gern gewusst. Sie hat nur 76 Freunde, eine bescheidende Zahl. Auf ihrem Bild trägt sie einen Bikini und hat beeindruckend breite Schultern. Ich habe ihr ein unglaublich freundliches Mail geschrieben und gefragt, wieso sie ausgerechnet auf mich unter den 800 Millionen Facebook-Nutzern gekommen ist, obwohl uns - wie soll ich das jetzt sagen - einfach nichts (Sprache, Herkunft, Ausbildung, sexuelle Orientierung) verbindet. Eine Antwort bekam ich nicht, so dicke sind wir dann doch nicht. Aber eines Tages werde ich auspacken und erzählen, wie Carmen Maria und ich mit der Harley durch den Sandstaub Sacramentos rasten, auf der Flucht vor Charles Manson und auf der Suche nach neuem Meskalin.

Meine philippinische Freundin Gladz Perges wiederum, auch in den USA lebend, Tänzerin, Jahrgang 1993, hat eine dramatische Wende auf undramatische Weise mitgeteilt. Sie hat ihren Status von "verlobt" auf "Single" verändert. Bei Facebook - das ist das angenehme, wenngleich auch etwas fade - hat das Leben eine gleichbleibend lauwarme Temperatur.

Ohne Facebook zu leben, erschien mir immer mehr ein Makel zu sein, der einen alt wie Breitcordhosen macht