Meine Geschichten

Sonderzüge nach Dresden

Viel Zeit hatte er auf der Universität nicht verloren, aber Dr. Karl Böhm (1894 bis 1981) trug seinen akademischen Titel ganz zu Recht. Er hatte wirklich promoviert, durfte sich Dr. jur nennen und tat es auch.

Beinahe nebenher trug er aber auch noch den weit exklusiveren Titel eines "Österreichischen Generalmusikdirektors". Den hatte es vor ihm nicht gegeben und später wurde er nicht noch einmal verliehen. Er unterstreicht nachhaltig Böhms Einzigartigkeit. Ich konnte am 2. Mai 1940 erstmals von ihr kosten. So jedenfalls sagt es mein Autogrammbuch aus alten Tagen.

Böhm war mit der Sächsischen Staatskapelle in die Berliner Philharmonie eingekehrt. Ich kann mich an das Programm nicht mehr erinnern, aber zweifellos gab es etwas von Richard Strauss zu hören, dem treuen Freund, der Böhm sogar die bezaubernde "Daphne" gewidmet hat, die Böhm denn auch nicht müde wurde bekannt zu machen. Und dies allein schon hat die Musikwelt Böhm zu danken: seinem Ernst, seinem Fleiß, seiner Unermüdlichkeit. Und vor allem natürlich seiner Musikalität. Davon konnte sich das Berliner Publikum überzeugen, der Deutschen Oper blieb er über Jahrzehnte hinweg verbunden.

1940, als ich ihn zum ersten Mal hörte, war er noch kein Weltreisen-Star, sondern unverrückbar fest an ein Orchester gebunden. Bis dahin hatte ich immer wieder einzig die Preußische Staatskapelle gehört, Berlins Hausorchester. Neugierig auf die Gäste aus Dresden war ich allerdings schon. Ich hatte immerhin gelesen, dass zur Zeit der Uraufführung des "Rosenkavaliers" Sonderzüge eingelegt werden mussten, um die Musikenthusiasten Berlins zu den Aufführungen nach Dresden zu transportieren und danach wieder zurück. Heutzutage verlässt der letzte Zug nach Berlin Dresden bereits abends um Viertel vor Neun. Richard Strauss hätte den letzten Akt des "Rosenkavalier" für die anreisenden Berliner gar nicht mehr zu schreiben brauchen.

Vom alten Karl Böhm erhielt ich eines Tages eine Postkarte aus New York. Er wollte sich für irgendeinen Artikel bedanken und lud mich ein, ihn bei seinem bevorstehenden Gastspiel in Hamburgs Staatsoper, wo er "Elektra" dirigieren würde, nach der Vorstellung im Künstlerzimmer, schlichter auch Garderobe genannt, zu besuchen. Ich schlich mich also, kaum dass der Vorhang gefallen war, hinter die Kulissen, um dem Vielgeehrten meine Aufwartung zu machen.

Man hatte ihn geradezu von der Bühne geschleppt, wo er sich, so deutlich erschöpft er auch war, noch einmal ausgiebig dem donnernden Beifall gestellt hatte. Zwei kräftige Männer nahmen ihn unter den Arm, er hielt sich mit beiden Händen an ihrem Nacken fest, und so schleiften sie ihn durch die Gänge in seine Garderobe. Warum, dachte ich damals, tut er sich das noch an? Offenkundig brauchte er die Musik zum Leben. Ich folgte dem makabren Grüppchen still und leise, mit der Überlegung beschäftigt, ob ich unter diesen mir tragisch erscheinenden Umständen überhaupt in das Künstlerzimmer eintreten solle. Es kostete mich tatsächlich einige Überwindung.

Klopf, klopf, klopf! Die Tür öffnete sich, und ich sah im hintersten Winkel den offenkundig erschöpften Karl Böhm auf einer Bank. Eine laute Stimme rief: "Karli, der Herr Geitel ist da!" und schon schoss der hingesunkene Böhm in die Höhe, eilte auf mich zu und fiel mir, patschnass vor Schweiß, wie er war, um den Hals und stammelte Liebenswürdigkeiten, wie sie ein Kritiker selten zu hören bekommt. Ich lernte wieder einmal, dass von ihrer Kunst besessene Menschen halt anders sind.