Konzert

Er ist kein Hippie, sondern nur sentimental

Auch Musiker und ihre Stammgäste werden sich mit den Jahren ähnlicher. Guy Garvey trägt sein Haar gescheitelt, einen prächtigen Bart und sieht um einiges älter aus als 37. Vor der Bühne stehen bärtige Kreative und schauen mit strengen Scheiteln zu ihm hoch.

"Mehr Licht!", ruft Garvey: "Damit ich euch sehen kann!" Zufrieden singt er "Mirrorball", eines der Lieder von 2008, mit denen Elbow, seine kleine Band, berühmt und groß wurde.

Man sagt, dass Engländer ihr Wort für Ellenbogen für besonders sinnlich halten, rein phonetisch. Elbow pflegen die entsprechende Musik. Einen entschleunigten Gefühlsrock ohne übertriebene Ambitionen, der von 1990 bis 2000 unbemerkt in winzigen Clubs stattfand. Danach nahmen sie zaghaft Alben auf und wurden vor drei Jahren selbst am meisten überrascht, als alle Welt "The Seldom Seen Kid", das vierte Album, mochte. Nun sind sie bereits mit ihrer fünften Platte unterwegs. Die Platte trägt den Titel "Build A Rocket Boys!" und handelt davon, warum man die Provinz nicht los wird, wenn man der kleinen Herkunft überdrüssig und in die Großstadt flieht.

Das Huxley's ist ausverkauft. Elbow haben ihren lauten Schlagzeuger mit einer Glaswand eingefriedet, daneben wiegen sich die Frauen eines Streichquartetts vor der 5Covermalerei des Albums über ihnen. Plattenkäufer und Konzertbesucher sind sich uneins: Hat die Band sich einen himmelblauen Bettvorleger auf die Hülle tuschen lassen? Oder einen Mann mit kurzen Beinen, der die Arme in die Luft wirft? Zeigt es seine Kapitulation oder das schiere Glück? Man weiß es nicht.

Aber man ahnt: Auch der mobile Mensch sehnt sich nach Heimat und den Orten seiner Kindheit. Garvey stimmt ein Lied an und die Leute fallen leise ein in seinen warmen Peter-Gabriel-Gesang. In "Open Arms" heißt es, aus Sicht der Dörfler: "We got open arms for broken hearts/ Like yours my boy/ Come home again." Es hallt wie in der Kathedrale, eine Orgel spielt. Das ist kein Konzert mehr, sondern eine Messe. "Es ist Vollmond", ruft der Sänger von der Bühne und lässt seine 5Gemeinde beten. "Mantra Luna", murmeln die Berliner, und lachen alle über sich. Guy Garvey sagt: "Ich bin kein Hippie." Er ist nur sentimental.