Neue Nationalgalerie

Grabenkämpfe in Öl

Wie kommen bloß die wuchtigen, schwarzen Marx-Köpfe in die Neue Nationalgalerie? Gute Frage. Auf einem Video daneben singen die Beatles "All You Need Is Love", Andy Warhols breitbeiniger "Elvis" steht gleich in doppelter Ausgabe vor dem Besucher. Und Thomas Bayrles rote, chinesische "Kartoffelzähler" mit Mao-Bibelchen sind tausendfach auf einer wandübergreifenden Tapete reproduziert.

Ohne Frage, hier geht es schön poppig zu. Aber gab es im Osten Pop Art? Marx-Porträts zierten viele Kulturinstitutionen der DDR, auch eine Referenz an den staatlich verordneten Massengeschmack. Marx & Co. quasi als Populärvarianten einer Starproduktion "made in GDR" - so jedenfalls sehen es die Kuratoren der neuen Sammlungspräsentation "Der geteilte Himmel" in der Neuen Nationalgalerie.

Teil zwei und Fortsetzung der ersten Ausstellung "Moderne Zeiten" (1900-1945), die bis vor kurzem im Mies van der Rohe-Bau zu sehen war. Eine dritte Schau wird den Reigen zur Kunst des 20. Jahrhunderts bis 2014 beschließen. Danach soll das Gebäude endlich saniert werden. Natürlich gibt Udo Kittelmann, Chef des Hauses, mit dieser geballten Ausstellungs-Trias aus dem eigenen Bestand auch einen kulturpolitischen Fingerzeig. Schaut her, unser Haus platzt aus allen Nähten, wir brauchen mehr Platz für die hochkarätige Sammlung. Zeit für eine "Galerie des 20. Jahrhunderts", wo auch die Sammlung Pietzsch unterkäme.

Zwei Stile, zwei Ideologien

Der Ausstellungstitel "Der geteilte Himmel" bezieht sich auf Christa Wolfs Roman von 1963. Es geht darin um die beiden rivalisierenden Gesellschaftsformen West und Ost. Gespannt wird der Fokus der Schau von '45 bis ins Jahr 1968. Zwei Eckdaten deutscher Geschichte, Kriegsende. Neubeginn. Studentenunruhen. Gesellschaftsumbruch. Und: 1968 wurde die Nationalgalerie als Fenster des Westens für die Kunst eröffnet. Die Welt dieser Jahrzehnte war wie ein Dampfkessel - Wirtschaftswunder, Bau der Mauer, Kuba-Krise, Vietnam-Krieg. Zusammenprall der Ideologien. Viel Zündstoff also für ein Ausstellungskonzept, das deutsch-deutsche und internationale Kunstentwicklungen verknüpft. Da aus der eigenen Sammlung heraus gearbeitet wird, gibt es Schwerpunkt: starke Auftritte der Künstlertruppen Zero und Cobra, Themenräume wie "1968", die "Black Paintings", Nam June Paik ist bestens vertreten, Pollock fehlt - und Künstlerinnen kann man an einer Hand abzählen. Ein Nebeneinander der künstlerischen Ansätze, Zeitgeschichte aber spiegelt diese Präsentation nicht.

Die beiden deutschen Staaten trennten zwei große Wegrichtungen: die auf Neuanfang programmierte Abstraktion, die im Westen als die große Freiheit gefeiert wurde. Nicht repräsentativ, nicht gegenständlich sollte fortan ein Werk sein, kurzum: nicht an der wahrnehmbaren Realität orientiert. Dem gegenüber stand die Figürlichkeit, stets der "conditio humana" verpflichtet. Leuchtendes Vorbild war Picasso, der trotz Kubismus immer an der Figur des Menschen festgehalten hatte. Im unteren Foyer werden diese Stereotypen vorgeführt: Links neben dem Eingangsbereich hängt Willi Sittes gewaltiger Historienschinken "Leuna 1921", gegenüber Rupprecht Geigers flammend rotes "Tafraoute". Farbfeldmalerei pur. Davor steht Duane Hunsons hyperrealistischer und knüppelnder Polizist "Riot", der zeigt, dass diese Aufteilung obsolet ist, weil viele Künstler sie unterliefen. Der Kunst- Himmel war gar nicht so geteilt - und wenn, dann in westlichen Sphären. Bruce Nauman befreite seinen Körper als Instrumentarium für die Kunst, die Minimal Art opponierte gegen die bildrauschende Pop Art. Zero gegen das Informel.

Einen prominenten Platz in der Schau bekommt Ernst Wilhelm Nay, der 1902 in Berlin geborene Malerstar und Documenta-Künstler der ersten Stunde mit seinen freien Formen in kräftigen, strahlenden Farben. So wie die Werke hier hängen, wirken sie beinahe wie Andachtsbilder. Einer der überzeugendsten Räume ist der von 1945. Die Traumata des Krieges sind eingeschrieben, die Werke erscheinen wie visuelle Therapien für das Unsagbare. Ungeheuer ausdrucksstark sind Heinrich Ehmsens surrealen, farbstarken Gemälde "Wahnsinnige Harlekine vor den Trümmern des Krieges" und "Auschwitz". Interessant ist zudem seine Vita, die für die ideologischen Grabenkämpfe der Nachkriegszeiten steht. 1945 beteiligte er sich an der Gründung der Hochschule der Künste im Westsektor, wurde Co-Direktor. Seine Unterschrift beim "Gruss dem Weltfriedenskongress" legte man ihm 1949 als "kommunistischer Propaganda" aus. Er flog, wechselte in den Ostsektor, gründete dort die Akademie mit. Doch seine Malerei vereinbarte sich nicht mit den Ansprüchen des "Sozialistischen Realismus", zu abstrakt. Im Westen fand man seine Bilder hingegen nicht abstrakt genug.

Ein schaler Nachgeschmack

Insgesamt gibt sich "Der geteilte Himmel" leider weit weniger politisch als der Titel es suggeriert. Eine Debatte etwa um Ost- Kunst, um Propaganda, Macht und die Möglichkeit künstlerischer Unterwanderungsstrategien wird gar nicht erst eröffnet. Die Schau bleibt ganz in der Sphäre der Kunst, schlägt sich auf die Seite der Ästhetik und der Stile. Ein Kalter Krieg ohne Politik. Kurz: Die DDR bleibt außen vor, bleibt in der ehemals geteilten Stadt eine Leerstelle. Freilich haben Metzkes, Sitte und Tübke ihre Auftritte - innerhalb der Entwicklungslinie der malerischen Figuration. Vielleicht hätte schon ein einzelner Themenraum zum "Sozialistischen Realismus" gereicht, so bleibt der etwas schale Nachgeschmack, dass die West-Kunst sich wieder nur selbst spiegelt.

Neue Nationalgalerie , Potsdamer Straße 50. Tel. 266 42 42 42. Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Voraus− sichtlich bis Ende März.