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Was ist eigentlich der Witz?

Wie ergreift man diesen Beruf, der zur fixen Idee werden kann und sich manchmal vom Menschheitssegen zur Menschheitsplage auswächst, wenigstens was die Opfer des Witzeerzählers betrifft. Die Antwort muss lauten: aus Mangel oder, freudianisch gesprochen: aus Substitution. Der Witz ist eine Ersatzhandlung.

Vielleicht erinnern sich manche noch an den Sportunterricht, wenn in der Klasse zwei Fußball- oder Volleyball- oder Völkerballmannschaften per Zuruf ausgesucht wurden. Die zwei Sportcracks der Klasse wählen sich ihr Team. Wer zu den zuletzt Ausgerufenen gehört, hat nur eine Chance, in der Klasse zu überleben: Er muss Klassenclown werden. Er muss durch Witz kompensieren, was er an Muskelkraft und Mut vermissen lässt.

Ich erinnere mich an die öffentliche Turnprüfung an Geräten, vor dem Abitur, als meine mir gewogene Russischlehrerin, bevor ich zur Tat schritt und ans Reck oder den Barren musste, mir beruhigend die Hand auf den Arm legte, bevor ich aufstand und losschritt: "Keine Angst, Hellmuth, ich werde bei Ihrer Übung die Augen zumachen." Anderes als Witzeerzählen bleibt einem da nicht mehr. (...)

Der schlüpfrige Witz

Witzeerzähler wird man auch aus Überfluss. Ein gewitzter Kopf hat so viel Verstand, dass er wenigstens etwas davon als Witz abgeben kann. Er kann sich den Witz leisten, er braucht sein bisschen Verstand nicht nur für die Realität. Es ist wie mit dem Klavierspieler, von dem es in dem Lied heißt: "... wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau'n." Ich habe Geige spielen gelernt, das ist ähnlich unattraktiv wie Blockflöte und klingt, vor allen Dingen bei Anfängern, gar nicht gut. Ich habe es nur auf zwei Jahre Geigenunterricht gebracht. Auch aus diesem Grund musste ich aufs Witzeerzählen ausweichen. Eine Zeit lang dachte ich, ich könnte meine "Mängel" auch mit Singen kompensieren, und heimlich glaube ich das immer noch, aber meine Familie hat mir längst den Schneid abgekauft. Was also bleibt mir? Das Witzeerzählen. (..)

Der Witzeerzähler - Frauen erklären in absoluter Mehrheit kategorisch: Ich kann keine Witze erzählen -, der Witzeerzähler also geht häufig eine Kumpanei mit einer bevorzugten Zuhörerin ein, der er imponieren will. Sigmund Freud hat beschrieben, dass Männer beim Stammtisch schlüpfrige Witze oder auch Zoten mit Vorliebe dann erzählen, wenn eine weibliche Bedienung noch in Hörnähe ist. Sie brauchen auch unter Witzebrüdern das Gefühl, dass sie einen erotischen Kurzschluss zu einem weiblichen Wesen herstellen können. Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren, besonders gern den folgenden Witz erzählt habe. Es handelt sich um einen Graf-Bobby-Witz:

Graf Bobby unterhält sich mit seinem Freund Freddy darüber, wie viel Positionen es beim Lieben gibt. (Da drängt sich mir der Arbeitslosenwitz in den Kopf, wo ein Arbeitsloser fröhlich nach Hause kommt und ruft: "Ich hab 'ne neue Stellung!", und die Frau antwortet: "Du Schwein, hättest dich besser um Arbeit kümmern sollen.")

Bobby also denkt kurz nach und sagt: "Es gibt neunundneunzig Stellungen." "Nein, hundert", sagt Freddy.

Bobby rechnet wieder kurz im Kopf nach und sagt: "Nein, neunundneunzig." Bis die beiden beschließen zu wetten, standesgemäß um eine Flasche Champagner. "Gut", sagt Bobby nach dem Handschlag zu Freddy, "fang an aufzuzählen!"

Immer wenn ich damals so weit mit dem Witz gekommen war, bemerkte ich eine gewisse Unruhe in den Augen der von mir angepeilten Zuhörerin. Was sie empfand, würde man heute wohl als Vorausschämen bezeichnen. Oh Gott, der nette Herr K. wird doch jetzt nicht mit einer schrecklichen Zote aufwarten und ekligen Details. Sie rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her und hüstelte. Ich fuhr unerbittlich fort:

"Also", sagt Bobby zu Freddy, "fang an aufzuzählen!" Darauf sagt Freddy: "Erstens, normal." Bobby unterbricht ihn und sagt: "Du hast gewonnen, das hatte ich ganz vergessen."

Große Erleichterung und Gelächter, auch bei meiner Zuhörerin. Gleichzeitig hatte ich sie sozusagen in eine Geheimverbindung mit meinen schmutzigsten Gedanken, die sie mir zutraute, gebracht. Wir waren gewissermaßen über etwas Unausgesprochenes verkuppelt. Wenn ich etwas übertrieb, so schämte sie sich sogar ein bisschen, weil sie mir so etwas Schmutziges zugetraut hatte. Ich war sicher, dass sie, in Gedanken wenigstens, tätige Reue übe. Viele Witze sind schlüpfrig, was nicht nur an die Flüssigkeit des Humors erinnert, sondern auch an das Ausrutschen auf dem doppelten Boden des Witzes, der ja, wenn er gut ist, das Zweideutige eindeutig macht und, indem er es verbessert, verschlimmert.

Es gibt das entwaffnende Frage-und-Antwort-Spiel mit Woody Allen: "Muss Sex eigentlich immer schmutzig sein?" - "Wenn er gut ist, schon."

Die im Witz außer Kraft gesetzte Zensur, die für einen Moment den Blick auf die schmutzige beziehungsweise als schmutzig verschriene Wahrheit lenkt, erinnert an die Polizei, und zwar an die Sittenpolizei (die ja laut Freud auch im Hirn tätig ist). Im Witz findet das statt, was Karl Kraus für den Sittenskandal gesagt hat: "Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende bereitet."

Neulich saß ich mit ein paar Juristen zusammen, unter anderem mit Maja Stadler-Euler, die als Rechtsanwältin 1983 den Sieg vor dem Verfassungsgericht gegen die Volkszählung herbeigeführt hatte. Da fiel uns die jetzige Volkszählung ein, und wir sprachen darüber, dass Volkszählungen heute natürlich anders ablaufen. Bei der letzten Volkszählung ging es vor allen Dingen um die Angst vor dem Verlust privater Daten. Und mir fiel ein Witz von damals ein:

Der Dreierschritt der Komik

Da kommt ein Volkszähler zu einer Vier-Parteien-Villa, ein nackter Mann öffnet ihm die Tür. Der Volkszähler tut so, als bemerke er es nicht, und fragt: "Entschuldigung, ich muss die Menschen zählen, die hier in diesem Haus wohnen. Wer wohnt hier unten in der rechten Wohnung?" Darauf sagt der Mann: "Da wohne ich mit meiner jetzigen Familie mit drei Söhnen und vier Töchtern." Der Volkszähler notiert das und sagt: "Aha. Und wer wohnt in der linken Wohnung?" "Da wohnen meine Freundin und ihre sieben Kinder, vier Töchter und drei Söhne." Wieder notiert der Volkszähler und nickt: "Und oben in der rechten Wohnung?" Der Mann: "Meine Frau aus erster Ehe mit ihren acht Kindern, vier Mädchen, vier Jungs." "Und oben links?" "Meine Frau aus zweiter Ehe: fünf Kinder, zwei Mädchen, drei Jungs." Der Volkszähler sagt: "Vielen Dank. Übrigens noch eine private Frage: Sie sind wohl Nudist?" Antwortet der Mann: "Keineswegs. Ich habe nur keine Zeit zum Anziehen." (...)

Schon Henri Bergson hat Antwort auf die Frage gesucht: "Was haben die Grimasse des Clowns, ein Wortspiel, eine Verwechslung in einem Schwank und eine geistvolle Lustspielszene miteinander zu tun?" Das Buch "Über das Lachen" erschien Anfang des 20. Jahrhunderts, und der Autor war von dem Phänomen Mensch und Technik, Mensch und Maschine fasziniert. Er entdeckte den Dreierschritt der Komik, der sich in zahllosen Witzen finden und wiederfinden lässt. Es ist das System der Dialektik, das sich in einem Dreierschritt vollzieht: These, Antithese, Synthese. Nur dass im Witz statt der Antithese eine Volte folgt, die alles witzig macht, wie folgender Witz belegt:

Karl zu einem Bekannten: "Kommst du heute Abend auch zu meiner Sexparty?"

"Klar, wie viele kommen denn?"

"Wenn du deine Frau mitbringst, sind wir zu dritt!"

Hellmuth Karasek: Soll das ein Witz sein? Über Humor, Satire, tiefere Bedeutung. Kindle Edition, 384 Seiten, 11,99 Euro.