Gewaltforscher Steven Pinker in der Urania

Von wegen Terror: Auf Erden war es noch nie so friedlich

Harvard-Professor Steven Pinker trägt zum Anzug schwarze Krokolederschuhe und graue Löwenmähne. Er hat ein wahres Opus Magnum verfasst. "Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit" heißt es und fragt, ob Gewalt im Laufe der Geschichte zu- oder abgenommen hat.

Nun steht er hier in der Urania am Pult und verkündet froh gelaunt: "Ob Sie es glauben oder nicht - Gewalt ist langfristig gesehen im Rückgang. Wir leben in der wohl friedlichsten Zeitspanne, seitdem unsere Spezies existiert", setzt der Evolutionspsychologe noch hinzu.

Sofort drückt Pinker auf die Fernbedienung des Beamers und versetzt das Publikum in eine Harvard-Vorlesung. Erste Folie: Punktuelle Erläuterungen von Kriegen, Völkermord, Tierquälerei, Diskriminierung und dann die Proklamation der großen These. Sechs Schübe, in denen das Gewaltpotential abnahm, konnte er in der Menschheitsgeschichte ausmachen. Das hört sich langatmig an, wird von Pinker aber zack zack, Folie für Folie erklärt. Oft entwirrt er seine Locken, während er versunken mit dem Laserpointer Kurven nachzeichnet, die alle die gleiche Richtung zu haben scheinen: Rückgang.

In seiner groß angelegten Gesamtgeschichte unserer Zivilisation beginnt die Verminderung der Gewalt vor 5000 Jahren. Beweise dafür hätte ihm die die forensische Archäologie geliefert. Sie wird zugleich zum "Steinzeit-CSI" erklärt, was auch viele Lacher erntet, die aber gleich mit Zahlen erstickt werden. Doch das hohe Gewaltpotential ging zurück, wie er mit weit ausholendem Arm verdeutlicht: "Der Aufstieg und Ausbau von Staaten führte aus dieser rauen Zeit heraus".

Präzise getimt wie ein Schweizer Chronometer rast der Forscher durch die Jahrhunderte, am Schluss will er "2500 Jahre Menschheitsgeschichte auf einmal" zeigen und verspricht strahlend die "Top 100 der Grausamkeiten". Man ahnt es: Ein großes Diagramm mit unheimlich vielen roten Punkten wird ganze zehn Sekunden gezeigt, "wie Sie sehen, der Zweite Weltkrieg kommt nur knapp in die Top Ten" und schon erscheint die nächste Folie. Während noch bemerkt wird: "Der Erste gar nicht." Nun erwacht doch kurz der Aufklärer in ihm. "Es ist es richtig, dass der Zweite Weltkrieg das tödlichste Ereignis in der Menschheitsgeschichte von der Anzahl der Toten her betrachtet war", erklärt er, "aber es ist nicht mehr so klar, wenn man sie in Relation zum Prozentsatz der Weltbevölkerung zu der Zeit stellt. Da gab es weitaus Tödlicheres".

Während er das ausführt, schleichen sich hinten die ersten heimlich raus. Der Professor zieht seine knallharte Wissenschafts-Exegese trotzdem bis zum Ende durch, zeigt, dass wir heute weniger Autokratien und Todesstrafen haben, dafür mehr Demokratien, Akzeptanz gegenüber Homosexuellen und sogar - von Pinkers Laserpointer innig umkreist - den Höchststand an Vegetariern. Trotzdem verschwindet ein Viertel des Auditoriums flugs, nachdem die Fragerunde an den fröhlichen dreinblickenden Gewaltforscher eröffnet wird. Der hatte wohl vergessen, dass das hier eher Hörsaal und weniger Harvard ist.