Kunstforum

Naga, die geheimnisvolle Königsstadt in der Wüste

Wenn Dietrich Wildung höchst unterhaltend über seine Grabungen spricht, hört es sich oft an wie ein exotisches Märchen.

"Aus europäischer Sicht ist der Nordsudan in der Antike das Ende der Welt. Wenn wir diese Region aber vom Süden aus betrachten, dann stießen die Karawanen mit begehrten Luxusgütern auf ihrem Weg durch Afrika auf diese erste große befestigte Stadt: die Königsstadt Naga, mitten in der Wüste, mit ihrer vielschichtigen antiken Kultur und Architektur. Sie war das Tor, das von Afrika in die Welt des Vorderen Orients und des Mittelmeers führt." Dietrich Wildung sollte es wissen, denn als Professor der Archäologie war er über 15 Jahre lang Grabungsleiter in Naga, 20 Jahre verantwortete er das Berliner Ägyptische Museum. Nun präsentiert er in einer kleinen hochkarätigen Ausstellung im Kunstforum der Berliner Volksbank 135 Objekte der spektakulären Funde.

Spektakulär sind sie vor allem deshalb, weil sie kräftig am traditionellen Bild der antiken Kunst rütteln. Dominiert von der hellenistisch-römischen Kultur lässt es in Afrika allenfalls noch das pharaonische Ägypten gelten. Aber 2500 Kilometer südlich des ptolemäisch-römischen Ägyptens entfaltete sich im heutigen Nordsudan rund um die Stadt Meroë zwischen 300 v. und 350 n. Christus das meroitische Reich als mächtiger politischer und wirtschaftlicher Nachbar. Zu dieser Kultur gehört als südlichste Residenz auch die Königstadt Naga, die den Herrschern von Meroë wahrscheinlich als saisonaler Außenposten zur Repräsentation ihrer königlichen Macht gegenüber den in der Wüste lebenden Nomaden diente.

Kulturell ist Naga ein Knotenpunkt verschiedener kultureller Einflüsse, mit einem breitem Spektrum künstlerischer Vielfalt: ägyptisch inspirierte Arbeiten ebenso wie Werke mit hellenistisch-römischen Stilelementen lassen sich entdecken. Unverkennbar ist aber auch der Einfluss afrikanischer Stammeskultur. Letzterer lässt sich besonders deutlich in der Darstellung von Göttingen und Königinnen erkennen: mit ihren üppigen Köperformen und den vollen Lippen zeugen sie von einem originär afrikanischen Schönheitsideal. Als die sudanesischen Nomaden, die saisonal an der Grabung beteiligt waren, einen Reliefblock mit einem Königsbild entdecken, erkannten sie in seinem Antlitz erstaunt ihre eigenen Züge.

In der Ausstellung kann man verschiedene Königsstauen bewundern, die afrikanische Herrscher in pharaonischem Ornat zeigen, und eine Fayence-Statue der Göttin Isis als afrikanisch geformte Frauenfigur in hellenistsch-römischem Gewand.

Eine computeranimierte Panoramarekonstruktion der alten Königsstadt lässt erahnen, wie imposant sie sich aus der Wüste erhob. Erst im Juni wurde die Grabungsstätte zum Weltkulturerbe erklärt und vielleicht lassen sich die Schätze von Naga ja irgendwann vor Ort in einem Wüstenmuseum besichtigen. Die Baupläne dafür hat David Chipperfield bereits entworfen.

Kunstforum Berliner Volksbank Budapester Str. 35, Charlottenburg. Tägl. 10-18 Uhr. Bis 18. Dezember.