Berlins Bühnen für Kinder

Mein Leben, mein Theater

"Hella, Hella" rufen die Kids auf der Tribüne anfeuernd. Unbeholfen wirkt die dralle Figur auf der Bühne in ihrer Jogginghose, mit den ungebärdigen Haaren und dem starr verwunderten Blick. Vielstimmiges Johlen empfängt sie. Hella ist ein Star der Inszenierung "Klasse Tour".

Die Schüler in der Vormittagsvorstellung kennen sie aus dem Vorgänger "Klasse Klasse", mit dem das Theater Strahl das pantomimische "Masken-Beatbox-Theater" erfunden hat.

Ohne Worte, aber mit gestischem Witz geht in "Klasse Tour" eine Schülertruppe auf Fahrt. Die Punkerin Kerstin und die Blondine Tanja rangeln um einen Platz im Jugendherbergszimmer, zwischen Hella und dem Smartphone-Addict Joschka bahnt sich eine Romanze an, und die hyperspießige Lehrerin wacht darüber, dass Jungs und Mädchen nachts in getrennten Zimmern bleiben. Die Party steigt dennoch, unterlegt mit den Sounds von Daniel "Mando" Mandolini, mehrfach Deutscher Meister im Beatboxen.

"Klasse Tour" ist nur eine der Entdeckungen, die man in der Berliner Kinder- und Jugendtheaterlandschaft machen kann. Mehr als 80 feste Häuser und freie Gruppen spielen für Menschen von 2 bis 25 Jahren. Wie soll man sich orientieren in diesem überreichen Angebot?

Zwischen Tradition und Experiment

Gut aufgehoben sind junge Menschen bei den beiden großen, vom Land geförderten Häusern, dem Grips Theater und dem Theater an der Parkaue. Dort verortet im Spielplan zwischen Tradition und Experiment. Adaptionen bekannter Kinder- und Jugendstoffe - von "Die Brüder Löwenherz" bis hin zu Märchen - stehen neben Inszenierungen wie "Der Sandmann" nach E.T.A. Hoffmann oder "Aus dem Leben eines Taugenichts", die die Schullektüre begleiten. Mit der freien Gruppe Showcase Beat Le Mot hat die Parkaue für einen grandiosen, anarchisch-klamaukigen "Räuber Hotzenplotz" kooperiert. Nach wie vor im Spielplan finden sich auch "Die Kindertransporte", 2007 mit dem Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin gewürdigt. Vier Schauspieler schildern aus der Ich-Perspektive die Lebenswege jüdischer Auswanderer im Kindesalter. Autor und Regisseur Hans-Werner Kroesinger montierte für seine dokumentarische Inszenierung die Berichte Überlebender, die nach der Pogromnacht 1938 von ihren Eltern nach England geschickt wurden. Tausende Kinder entkamen so dem Holocaust.

Dem anspruchsvollen, emanzipatorischen Gegenwartstheater zugewandt ist das Grips Theater. Die Inszenierungen greifen Fragen und Probleme junger Menschen auf: "So lonely" kreist um das Thema der unglücklichen ersten Liebe. "Eins auf die Fresse", 1996 mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost geehrt, thematisiert Mobbing in der Schule. Sehenswert ist auch das Kammerspiel "Big Deal?": Jan kifft und dealt. Als eine Party im Elternhaus außer Kontrolle gerät, ruft sein eigener Vater die Polizei. Panisch versucht Jan, sein Gras im Klo herunterzuspülen - und hat neben dem Ärger mit den Behörden und den Eltern plötzlich auch einige hundert Euro Schulden. Wie die Drogenberaterin Alex zwischen dem autoritär-besorgten Vater und dem bockigen, enttäuschten Sohn vermittelt, zeigt der Nachwuchsregisseur Robert Neumann wertungsfrei. Schritt für Schritt gelangt Jan zu der Einsicht, dass er sich mit dem Dealen nur in Schwierigkeiten manövriert. Aus seiner Lage muss er selbst einen Ausweg finden. Wie, das bleibt am Ende offen.

Während am Grips und an der Parkaue professionelle Schauspieler tätig sind, arbeiten viele Häuser auch mit jugendlichen Laien. Eine erfolgreiche Großproduktion des Jugendclubs am Deutschen Theater ist "Clash" - ein unterhaltsamer, cleverer Kommentar zu Thilo Sarrazins Integrationsthesen. Regisseur Nurkan Erpulat wendet die abstruse Prognose einer unintelligenten, muslimischen Mehrheit in Deutschland ins Komische: Auf einem fernen Planeten namens Deutschland haben sich Affen die Menschen untertan gemacht, mit Sarrazins Pamphlet als Anleitung. Nun müssen die Menschen niedere Arbeiten verrichten. Mit dem Raumschiff strandenden Neuankömmlingen gelingt es, die Hierarchien aufzubrechen - soziale Verhältnisse sind gemacht und nicht gegeben, so die Botschaft von "Clash".

Die Begeisterung der Eltern

Entdecken die großen Häuser das Thema Interkultur, so widmet das Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße ihm schon seit 2008 seinen Spielplan. Theatermacher wie Lukas Langhoff oder Nurkan Erpulat entwickeln Stücke mit jugendlichen Laien und jungen Profis. Zum Theatertreffen 2011 eingeladen wurde "Verrücktes Blut" von Erpulat und dem Dramaturgen Jens Hillje. Mit vorgehaltener Waffe zwingt eine überforderte Lehrerin ihre Klasse, Schiller zu lesen. Gängige Klischees wie das vom rotzenden Unterschichtenproll oder das vom weltfernen deutschen Klassiker dekonstruiert Erpulat mit ebenso viel Ironie und Spielwitz wie in "Clash".

Dicht dran an den Lebenswelten Jugendlicher, die in zwei Kulturen aufwachsen, ist auch "ArabQueen - oder Das andere Leben" am Heimathafen Neukölln. Regisseurin Nicole Oder und Dramaturgin Elisabeth Tropper haben einen Roman der Journalistin und ehemaligen Sozialarbeiterin Güner Yasemin Balci adaptiert. Mariam ist eine deutsche Jugendliche, die feiern gehen möchte, Jungs kennenlernt und sich gerne schminkt. Doch sie ist auch eine Muslima, und ihr Vater wie die Community haben Mariam genau im Blick. Als sie sich mit einem Typen einlässt, wird sie von ihren Eltern weggesperrt. Ihr droht die Zwangsheirat. Einen enormen erzählerischen Sog entwickelt die genau gearbeitete Szenenfolge.

"ArabQueen" ist ein Glanzpunkt im vielfältigen Theaterangebot für junge Zuschauer. Jetzt muss man die Jugendlichen nur noch fürs Theater begeistern. Am Eindrücklichsten wird ein Theatererlebnis dann, so Grips-Intendant Stefan Fischer-Fels, wenn die Eltern "selber Lust auf Theater haben und ihre Kinder mit diesem Virus infizieren".

Unsere Autorin ist Mitglied der dreiköpfigen Jury zum Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin 2011. Der Preis ist eine Auszeichnung zur Förderung des Kinder- und Jugendtheaters, wird seit 1961 vergeben und ist mit 10 000 Euro dotiert. Am Sonntag wird der Preisträger im Theater an der Parkaue bekanntgegeben und geehrt.