Fernsehen

Rückkehr eines Albtraums

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander

Am Anfang steht ein neues Leben. Auf dem Ultraschallbild pulst der Herzschlag eines Embryos. Das Kind, das Carola und Jochen Weber noch fehlt zu ihrem Glück. Das Kind, das sie nicht selber bekommen, aber doch adoptieren wollen. Aber dann kommt alles anders.

Wird das Glück mit einem Mal auf eine schwere Belastungsprobe gestellt. Brechen alte Wunden wieder auf. Wird klar, warum Carola keine eigenen Kinder bekommen kann.

Die Musikpädagogin (Anja Kling) und der Personalchef des Krankenhauses (Tobias Oertel) sind eingeladen bei dem neuen Chefarzt (Ulrich Noethen), den ihr Mann gewinnen konnte. Dessen Tochter nimmt schon länger Klavierunterricht bei Carola. Aber hier begegnen sie sich das erste Mal. Und anfangs hört Carola nur diese Stimme. Und vereist. Die Stimme, sie ist ihr nur allzu vertraut. Es ist die des Mediziners, der ihr einst Psychopharmaka einflößte, damals, im Frauengefängnis Hoheneck, in dem sie einsaß, weil sie "Republikflucht" begehen wollte. Plötzlich ist alles wieder da, was Carola zwei Jahrzehnte lang zu verdrängen suchte.

Ein Riss zwischen Ost und Ost

Ein Albtraum beginnt aufs Neue. Die Narben sind nicht verheilt, zwei Finger fehlen ihr seit jener Zeit, was ihre angestrebte Karriere als Pianistin mit einem Mal vernichtet hat. Doch nicht einmal ihr Mann weiß von der Hölle, die sie einst durchlitten hat. Zu groß war die Scham, zu groß der Wunsch, das alles zu vergessen. Die erste Reaktion des Gatten ist denn auch verletzter Stolz, warum sie ihn nicht ins Vertrauen gezogen hat. Fragen, für die Carola keine Zeit hat. Denn sie will Gerechtigkeit. Sie will, dass alle Welt wissen soll, wer dieser Mann in Wirklichkeit ist. Auch wenn der erst behauptet, das alles müsse eine Verwechslung sein, und schließlich mit einer einstweiligen Verfügung und weiteren Klagen droht.

Wir kennen solche Geschichten. Kennen sie bislang mit Nazi-Hintergrund: Ein Zahnarzt, der sich als KZ-Arzt entpuppt ("Marathon Man"). Ein liebender Familienvater, der der Folter und Ermordung von Juden und Sinti angeklagt wird ("Music Box"). Eine Schaffnerin, die sich als Lager-Wachfrau entpuppt ("Der Vorleser"). Nun wird auf diese Art auch DDR-Vergangenheit aufgearbeitet. Mit "Es ist nicht vorbei", mit dem der ARD ein ganz außergewöhnlicher Film gelungen ist. Der Titel übrigens könnte über all diesen Filmen stehen.

Die Drehbuchautorin Kristin Derfler beschäftigt sich seit 1998 mit der jüngsten deutschen Vergangenheit. Mit dem Riss, der durch das Land geht. Und mit dem Blick von außen kam die Österreicherin dabei zu einer erstaunlichen These: Die deutsche Teilung hat das Land in Ost und West gespalten; der Mauerfall aber einen neuen Riss aufgetan. Den zwischen Ost und Ost. Zwischen jenen, die sich arrangiert haben mit dem System, und jenen, die dagegen aufbegehrten. Die ihr Leben riskierten und dafür hart bestraft wurden. Den Opfern der SED-Diktatur eine Stimme zu verleihen, die mediale Aufmerksamkeit auf ihr Leid zu lenken, das, sagt sie, sei ihr ein großes Anliegen.

Das löst sie heute Abend gleich doppelt ein. Mit diesem Film. Und mit der Dokumentation "Die Frauen von Hoheneck", die die ARD gleich im Anschluss sendet und in der Derfler und ihr Mann Dietmar Klein drei exemplarische Beispiele vorstellen. Bei "Es ist nicht vorbei" haben Derfler und ihre Regisseurin Franziska Meletzky alles richtig gemacht. Indem sie eben kein historisches Drama entwickelt haben, das in der Vergangenheit spielt. Sondern eines, das im Heute angesiedelt ist und in dem das Vergangene trotzdem noch höchst lebendig ist. Man hat auch der Versuchung widerstanden, das obligate Kunstmittel längerer, erklärender Rückblenden einzusetzen. Ein paar verschwommene, nur kurz angerissene Erinnerungsflashs müssen ausreichen. Die größeren Schrecken sind ohnehin stets jene, die uns nicht breit ausgewalzt werden, sondern jene, die sich in unserem Kopf abspielen. Die wir uns in unserer Fantasie selber zusammenspielen. Alles andere hat die Hauptdarstellerin Anja Kling zu tragen, die diese Aufgabe mit Bravour leistet. Überhaupt ist sie eine große Unterschätzte im deutschen Film, ähnlich übrigens wie Ulrich Noethen, der ihren Gegenpart, den beklagten Chefarzt spielt.

Niemand, das macht den Thrill dieses Films aus, will dieser Frau glauben. Nicht mal der eigene Mann. Ja, lange bleibt die Frage im Raum, ob sie nicht einfach den Verstand verloren hat. Was der neue Chefarzt, ein angesehener Neurologe, denn auch ohne Weiteres diagnostiziert. Und auch die Adoptionstauglichkeit steht plötzlich infrage. Um irgendwie an Beweise zu kommen, greift die Gepeinigte schließlich zum letzten Mittel. Und fährt noch einmal an jenen Ort, an den sie nie eigentlich nie zurückkehren wollte, zum Frauengefängnis Hoheneck.

Kein versöhnlerisches Happy End

Der Name ist ein Reizwort. Er steht für einen Skandal, ein Schandmal der DDR (siehe Kasten). Das ist auch im Film kürzlich schon einmal thematisiert worden, in "Die Frau vom Checkpoint Charlie", wenn auch nur am Rande und als gewesene Geschichte erzählt, die überdies mit einem Happy End schloss. Das Ende von "Es ist nicht vorbei" ist da weit weniger versöhnlich. Und der Abspann entlässt einen ohne Zweifel: "Sämtliche Klagen der ehemaligen Strafgefangenen gegen ihre Haftärzte verliefen im Sand", heißt es da. Und: "Viele der ehemaligen Mitarbeiter praktizieren noch heute."

Es ist nicht vorbei ARD, Heute, 20.15 Uhr.

Die Frauen von Hoheneck 21.45 Uhr.