Berliner Ensemble

Hommage auf Brasch: Dieser Mann war ein einziges Aber

"Wo ich bin will ich nicht bleiben, aber/ die ich liebe will ich nicht verlassen, aber/ die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber/ wo ich lebe da will ich nicht sterben, aber/ wo ich sterbe da will ich nicht hin:/ Bleiben will ich wo ich nie gewesen bin." - Aber, aber, aber: Dieser Mann war ein einziges Aber.

Das machte ihn fertig; das machte ihn zum Dichter. Und brachte ihn jetzt aufs Dach des Berliner Ensembles (BE). Dort flattert eine Fahne mit dem Bild von Thomas Brasch, der vor zehn Jahren starb, und den das BE mit einem Gedenk-Programm feiert. Im Turmzimmer, einst Brechts erotisches Rückzugsgebiet, wurde eine Ausstellung installiert. Fotos, Reliquien unter Glas: ein Spazierstöckchen mit Silberknauf, ein elektrischer Haarschneider made in USA. Dazu Texte - "labyrinthisch-fragmentarisch wie der ganze Kerl", so Claus Peymann. Der BE-Chef sein ewiger Förderer, obgleich oft verzweifelnd an dessen "fressender Selbstkritik". Braschs Gefährtin Katharina Thalbach gesteht: "Ich musste bei ihm lernen, nicht ganz so sensibel zu sein."

Mit "Kathi" kam Brasch aus DDR-Berlin, aus Druck- und Aufführungsverbot, nach Stuttgart, wo Peymann Mitte der 1970er Intendant war. Seither gehören beide zur Peymann-Familie; kamen mit nach Bochum, ans Burgtheater, ans BE. Brasch sarkastisch: "Erst O-Berlin, dann W-Berlin, zuletzt OWeh-Berlin."

Unter dem Titel des Brasch-Romans "Vor den Vätern sterben die Söhne" inszenierte Manfred Karge jetzt mit drei herrlichen Jung-Schauspielern eine Collage lyrischer Texte. Ein poetisch explodierendes Oratorium aus Braschs DDR-Wut- und Weh-Zeit: Da springt jede Silbe uns an die Gurgel, haut jeder Reim uns um. Tolles Drama! Dem folgt ein braver Vortrag des Stücks "Lieber Georg" über Braschs Bruder im Geiste, den expressionistischen Verzweiflungs-Dichter Heym. Ein feines Sprachkunststück. Aber ein Drama?

Dann Studio-Premiere "Mercedes", Braschs philosophisch hoch gestochne Sozialschmonzette über ein vertrackt unglückliches Paar voller Trieb und Traum, von Philip Tiedemann dem konkret Sozialen entkleidet und ins öde Abstrakte getrieben. Fazit: Das BE hat den Überraschungscoup verfehlt: Nämlich die "Reanimation" eines von den Theatern vergessen Dramatikers.