Konzert

Jubiläum anders: Kamerun trifft auf Kleist

Wenn Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen und inzwischen etablierter Theaterregisseur, einen Konzertabend zum Kleistfestival gestaltet, kommen natürlich die Diskurs-Popper, ihre Nachwehen und eigentlich alle, die ein bisschen klug und alternativ sind.

Es geht um "Heute bin ich etwas eilig" mit Christiane Rösinger, den Türen und Schorsch Kamerun im Maxim Gorki Theater.

Nachdem Christiane Rösinger und Andreas Spechtl, Sänger von Ja, Panik, den ersten Teil des Abends gestaltet haben, geht's erst mal nach unten, die Umbaupause überbrücken. Im Gorki gelten heute andere Regeln. Aufstehen ist erlaubt, Getränke im Saal ebenso. Kamerun trifft einen befreundeten Hamburger Musiker auf dem Klo. "Ist ja super", sagt der. "Schön", antwortet Kamerun. Danach Wortfetzen über den Abend davor: "Torstraße", "Prater", "Ibsen", "Bis halb vier", was man als Künstler eben redet.

Und tatsächlich, Rösinger und Spechtl waren wirklich super: Das ungleiche Künstlergespann, Spechtl ist 27, Rösinger 50, hat Aberwitziges mit Texten von Kleist angestellt. Ein Polizeibericht von 1810 über einen bissigen Hund in Charlottenburg wird zur Wortlawine, wie man es aus den atemlosen Aufzählstücken Dylans kennt. Rösinger, ganz in schwarz, tapst unbeholfen über die Bühne, wie ein alter Bernhardiner. Der linke Ärmel ihrer Jacke hängt schlaff über die linke Hand. Spechtl schaut nach unten, deutet einen Buckel an, die filigranen Finger streichen Moll-Akkorde auf dem Griffbrett. Ein Liebesbrief Kleists an Henriette Vogel geht in den Refrain von Ja, Paniks "Suicide" über: "Suicide is love", "Suicide is passion". Kleist und Vogel richteten sich - vor ziemlich genau 200 Jahren - am Kleinen Wannsee, sie wollten zusammen begraben werden. Näher kann man den beiden nicht sein.

Rauch aus einem Vulkan

Die Türen betreten die Bühne. Wieder ist Spechtl mit dabei, am Schlagzeug hilft Ted Gaier von den Zitronen aus. Mit seinem Schnurrbart und dem zu großen Anzug wirbelt er die Sticks wie ein Jazzmusiker. Sie geben die Mitmach-Truppe, schalten in den "interaktiven Modus", so nennt es Frontmann Maurice Summen freilich mit einem Augenzwinkern. Er holt die DTV-Gesamtausgabe von Kleist heraus. "Kleist war crazy". Disco-Rhythmus, dazu immer wiederholt "Kleist war crazy", rausgespuckt, wie mit Tourette. Summen schreit unverständlich Seiten aus dem Buch heraus. Verrückt.

Als Schorsch Kamerun nebst Begleitung zum dritten und letzten Akt des Abends anstimmt, fährt der Hintergrund nach oben. Eine ägyptische Tempelanlage erscheint. Rauch steigt aus einem Vulkan dahinter auf. Kamerun sägt mit seiner Stimme gegen ein unbarmherziges Klavier an. "Baum der Erkenntnis", "das Paradies ist verriegelt", es sind Auszüge aus Kleists "Über das Marionettentheater", einem Dialog mit einem Puppenspieler, in dem dieser Kleist in die Geheimnisse des Fäden-Ziehens einweiht. Zum Schluss tritt Kamerun einen Notenständer um. Kleist, so geht es aus einem Protokoll zweier Mediziner heraus, die mit seiner Obduktion bedacht waren, soll Choleriker gewesen sein.