Literatur

Geheimnisse einer schwangeren Marquise

Immer noch ihre Paraderolle: Edith Clever verrät bei der Kleistlesung in der Akademie, was zwischen den Zeilen steht

Es kleistet sehr. Edith Clever, in schwarzer Samtrobe, schreitet ohne das Publikum eines Blickes zu würdigen mit ihrem wehend weißem Haarschopf auf die Bühne in der Akademie der Künste, setzt sich, begradigt ihre Papiere und verkündigt voller Sachlichkeit: "In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten." Das will schnell viel sagen. Heinrich von Kleist, der solche Kontraste mochte, hatte die Eigenart, große Geschichten immer in einen Satz zu stecken.

Der muss dann auch atemlos herauf und herunter erzählt werden. So, wie es Edith Clever macht. Die bekannte Darstellerin der kleistschen Frauenfiguren bringt seine Rastlosigkeit gleich mit auf die Bühne. Sie trägt die verzwickte Exposition der Novelle "Die Marquise von O..." im Telegrammstil, ganz abgehackt vor, verliert dennoch den Faden nicht, verstrickt sich tief mit den Figuren im hypotaktischen Satzgewirre der verschachtelten Kleistwelt, verliest und verliert sich aber nie darin. Sie ist in ihrer Paraderolle, der "Marquise", ganz allein auf der Bühne seiner "gebrechlichen Einrichtung der Welt" unterworfen.

Was ist daran fragil? Die Menschen sind es. Kleist lässt sie gnadenlos in ihrer "Eigengesetzlichkeit" aufeinander prallen. In seiner Novelle hat er die Kollision jedoch versteckt und nur Edith Clever kennt das geheime Zeichen. Die Schauspielerin jagt dafür in einem halsbrecherischen Lesetempo durch eine Kampfszene. Russische Truppen dringen die Zitadelle ein und stellen die junge Marquise, von den "schändlichsten Misshandlungen" rettet sie der Graf F. und trägt sie heldenhaft in ein Zimmer. "Wo sie auch völlig bewusstlos niedersank", lässt Clever verlauten. "Hier -", liest sie unheilschwanger und stoppt. Die Pause, die Clever da macht, ist keine Kunstpause. Sie bringt etwas für die Bühnenperformance Unsichtbares zum Ausdruck: einen Gedankenstrich. Kleist setzt ihn an diese grammatikalisch unpassende Stelle, um wieder eine große Geschichte zu komprimieren. In dem Gedankenstrich ereignet sich die Vergewaltigung der Marquise von O. Clever liest nach kurzer Schockstarre ironisierend, wie es weiter geht, die Damen der Marquise herbeieilen, der Graf sich hastig den Hut aufsetzt und den wohl berühmtesten polnischen Abgang der Literaturgeschichte hinlegt. Doch dank dem versteckten Zeichen weiß das niemand im Publikum.

Sofort verschwindet die allwissende Clever wieder. Virtuos wird sie zum Medium der Figuren und nimmt den jeweiligen Erkenntnisstand an. Die Mutter wird in weiblicher Sorge und Sanftmut gelesen, der Vater donnernd als brutaler Patriarch intoniert. Besonders die Passagen um die verwirrte Marquise, schwanger vom Grafen F. ohne es zu wissen, durchläuft Edith Clever mit schwindelig suchender Stimme und fängt so das Gefühlskarussell einer Frau ein, deren Körper mehr weiß als ihre Vernunft.

Während sie wieder die knallharte Wahrheit nach Kleistmanier durchscheinen lässt, streicht sich Clever die Falten des schwarzen Pannesamts zurecht und dann ein wenig erschöpft die weißen Strähnen aus dem Gesicht. Die Schauspielerin ist nicht mehr die junge Marquise von O., die sie 1976 für den französischen Nouvelle Vague-Regisseur Eric Rohmer im zarten Goldlamé-Kleid mimte. Auf der Bühne der Akademie der Künste weiß die nun 71-Jährige, was das Publikum erfahren muss, und meistert es, leise und laut zugleich zwischen den Zeilen zu lesen: Edith Clever ist Kleists allwissende Erzählerin.