Kleistfestival am Maxim Gorki Theater

Ritterlichkeit ist nicht immer eine Tugend

Heinrich von Kleists "Käthchen von Heilbronn" ist eine ziemlich wilde Mischung: rasende Ritter, brennende Burgen, Femegericht, Gewitter- und Schlachtszenen, Traumvorsehung und Wunderrettung, ein kaiserlicher Ehebruch, eine Märchenhochzeit, eine durchtriebene Hexe und eine Heldin der reinen Hingabe.

Das Stück vermengt Genres, zieht Stilregister zwischen Prosa und Versen, mischt hochtönende Metaphorik, zarteste Empfindsamkeit und knarzende Derbheit.

Es ist deshalb nur schlüssig, wenn Regisseur Jan Bosse im Maxim Gorki Theater ein großes und streckenweise sehr unterhaltsames Spektakel aus Ritterklamotte und nebeldonnerndem Theater-Budenzauber entfesselt. Die Bühne von Stéphane Laimé beherrscht ein mit Vorhängen umspanntes Showpodest, Kathrin Plaths Kostüme hängen den Spielern oft unverschlossen am Leib, und in den Nebenrollen wird wandlungsfreudig zwischen den Figuren hin- und hergewechselt. In jedem Moment wird hier sichtbar das Theater auf dem Theater zelebriert. Die Ritter stecken in silbrigen Knöpfoveralls und scheppernden Rüstungen, reiten auf lustig trashigen Schaumstoff-Pferden und begegnen bisweilen skurrilen Exemplaren aus dem einfachen Volk, die ebenfalls verknautsche Schaumstoffgesichter tragen. Mit von der Partie sind nämlich auch die Berliner Kultpuppenspieler von Das Helmi, die eine gute Portion fröhlichen Dilettantismus beisteuern.

Mit seiner Inszenierung dieses "großen historischen Ritterschauspiels" eröffnet Bosse das Kleistfestival, das vom 4. bis zum 21. November, dem 200. Todestag Kleists, am Gorki läuft und ebenfalls zum Bersten voll gepackt ist. Kleists gesamtes dramatisches Werk, seine Erzählungen und theoretischen Texte werden in Inszenierungen, Performances, Hörspielen, Konzerten und Vorträgen zu erleben sein.

Für den fulminanten ersten Höhepunkt der dreieinhalbstündigen Auftaktpremiere sorgt Joachim Meyerhoff als Ritter Graf vom Strahl, der soeben vom Fäuste-schüttelnden Theobald (Ruth Reinecke) verklagt wurde, seine Tochter, das holde Käthchen, mit Hexerei verführt zu haben. Klirr, klack, schepper - poltert Meyerhoff in mächtiger Rüstung an die Rampe und beginnt, zunächst noch bei geschlossenem Visier über blondsträhniger Langhaarperücke, genüsslich jedes Machoklischee auszumalen. Dieser dreckig lachende, die Mundwinkel abschätzig nach unten ziehende und bei aller Breitbeinigkeit auch noch überaus dumpfbackige Oberritter macht jeder ernsthaft und edel gearteten Ritterlichkeit also gleich zu Beginn den Gar aus. Die bedingungslose Liebe, mit der ihm Käthchen auf Schritt und Tritt folgt, verweist er dadurch umso deutlicher ins Reich des Unbegreiflichen.

Das Käthchen ist bei Bosse eine Gefühlsterroristin, der nichts Süßliches anhaftet - Käthchen, ein hartes Mädchen. Bei Anne Müller, der drahtigen Gorki-Energieschleuder mit dem weißblonden Kurzhaarschopf und den rastlos sprühenden Augen, ist es bestens aufgehoben. Nur selten huscht ihr ein Lächeln über die Lippen, alles an ihr ist zielstrebig, hartnäckig, störrisch, verbissen bis zum Fanatismus. Ihre Liebe gleicht einem masochistischen Magnetismus, der sie zum Grafen zieht, egal, wie brutal der sie gerade mit Worten oder Peitsche gequält hat. Dieses Käthchen faucht seinen Vater an. Und wenn der Graf sich in den Kampf zieht, haut es ihm als Heilige Johanna den Weg frei. Gegenbild ist Sabine Waibels schrill überzeichnete Kunigunde-Tussi, die sich zickig, hyperventilierend, hysterisch in immer neuen Männerfantasie-Kostümen als perfekte Projektionsfläche anbietet. Bei ihr mischt sich der Grusel einer zehnmal gelifteten Hollywood-Diva mit dem schnell schwindenden Glanz eines gecasteten Superstars. Des Grafen Träume vom Käthchen wiederum sind ganz vom Trieb durchtrieft. Im großen Monolog, der bei Kleist seine heimliche Liebe zu der Bürgerstochter enthüllt, verdreht er die Augen vor Begierde, kann die Lenden kaum stillhalten. In der Holunderbuschszene, in der er die Übereinstimmung ihrer beider Silvesternachtsträume entdeckt, schiebt er der Schlafenden das durchsichtige Hemdchen vom Leib.

In dieser Schein-Welt der Aufschneider und Popanze, die der Regisseur Bosse bis zur Lächerlichkeit aufbläst und in ihrer Gewaltsamkeit grell aufscheinen lässt, wirkt Käthchen umso mehr wie ein Fremdkörper. Kein Wunder also, wenn sie sich am Ende, als man sie überraschend verheiraten will, aus dieser Welt davonstiehlt. "Schützt mich, ihr Himmlischen", bittet Käthchen. Und ein gnädiger Schaumstoffengel ist behilflich, als sich das Käthchen unter Feuerknall in Luft auflöst.