Kunstsache

Nicht jeder Künstler will ein Störenfried sein

Schwer zu sagen, ob Florin Mitroi sich selbst als politischen Künstler gesehen hat. Menschen, die ihn kannten, beschreiben ihn als still, verschlossen, in sich zurückgezogen. Im Rumänien der fünfziger Jahre war allerdings auch gerade das Private politisch.

Weil er als Maler kein Sozialistischer Realist sein wollte, weil er es ablehnte, Propagandabilder für den Staat zu malen, wurde er vom Geheimdienst drangsaliert. 2002 starb Mitroi. Man hätte es ihm gewünscht, dass er noch zu Lebzeiten entdeckt worden wäre. Die Mini-Retrospektive, welche die Galerie Johnen zeigt, hat mich sehr beeindruckt. Mitroi hat im inneren Exil seine Kunst immer weiter komprimiert. Mit ihren kahlen Schädeln und dunkel umrandeten Augen scheinen seine Figuren wie verwandt mit den Maskengesichtern Picassos. Wenige Pinselstriche reichen Mitroi, um diesen Gesichtern enorme Expressivität zu verleihen - ein Ausdruck aus den dunkelsten Teergruben der Seele. In einigen Bildern lässt er dazu Äxte oder Schwerter drohend über den Köpfen schweben. Mitrois grafischer Stil, die antiquierte Tempera-Technik und der gelegentliche Einsatz von Blattgold erinnern an die Malerei des alten Byzanz. Es sind Ikonen, die der Künstler geschaffen hat. Ikonen der tiefsten Traurigkeit. (Bis 17. Dezember, Marienstraße 10, Mitte)

Wie man als Künstler ganz gezielt ein ausgemachter Störenfried sein kann, führt Klara Liden in der Galerie Neu vor. Lidens entsteht zumeist dann, wenn ihre eigene Dickschädeligkeit und der öffentlicher Stadtraum aufeinandertreffen. So steigt sie in ihren klobigen Stiefeln auf die Biertische, die im Sommer vor den Cafés auf den Straßen steht. Sie fotografiert die Tischplatten Zentimeter für Zentimeter ab und belichtet dann ihre gesammelten Eindrücke zu einer einzigen Berliner-Biertisch-Montage. In der Galerie nimmt sie eine komplette Wand ein. Rechts daneben hängen zwei weitere Montagen aus Aufnahmen von Baustellen-Containern. In der Mitte des Raumes ist eine Installation aus wassergefüllten Feuerwehrschläuchen aufgebaut. Liden hat sich mit dieser Ausstellung formal weiterentwickelt, ist komplexer geworden - andererseits war sie früher radikaler: Da ist sie ständig in Videos durch U-Bahnen getanzt, hatte illegal eine Hütte am Spreeufer errichtet oder Mülleimer von der Straße geklaut und im Museum ausgestellt. Vielleicht wollte sie den Menschen, die für Ordnung sorgen müssen, diesmal einfach eine Pause gönnen. (Bis 10. Dezember, Philippstraße 13, Mitte)

Es gibt wohl kaum einen politischeren Ort als Afghanistan. Der Kampf der Kulturen hat dort eine lange Geschichte. Unter dem Titel "Fotografien aus dem Krieg in Afghanistan" stellt die Galerie Moeller Fine Art jetzt John Burke und Simon Norfolk vor. Burke dokumentierte Ende der 1870er-Jahre mit seiner Plattenkamera den zweiten Anglo-Afghanischen-Krieg. Er fotografierte posierende Soldaten, ein diplomatisches Treffen zwischen einem englischen Major und einem Emir sowie - in hervorragenden Landschaftsaufnahmen - Armeecamps der Briten zwischen Berggipfeln. Norfolk ist 2010 auf den Spuren Burkes durch Afghanistan gereist, wobei er durchaus andere Motive fand: Nicht nur Spezialeinheiten der Armee, sondern auch die afghanische Basketballmannschaft der Damen. Nicht nur Soldatencamps, sondern auch das schaurige "Dschihad-Museum" in Herat. Das Zusammentreffen der beiden Fotografen bietet einen kaleidoskopischen Blick auf die Geschichte und Gegenwart Afghanistans. Und es ist berührend zu sehen, wie die Menschen selbst im größten Chaos ihr Privatleben sorgsam organisieren: Burke fotografierte einst eine Basarstraße in Dschalalabad. Bei Norfolk sind es heute Internetcafés oder der Pizza-Imbiss neben dem Busdepot. (Bis 26. November, Tempelhofer Ufer 11, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien

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