Geitels Geschichten

Der Chauffeur als Mittelsmann

Früher, unter den Nazis, hieß die Waldbühne noch "Dietrich Eckart-Bühne". Sicherlich wusste ich damals auch, wer dieser Eckart war, aber wirklich gründlich habe ich mich mit den Nazis und ihren vermeintlichen Helden nie ausgekannt.

Ich ging in die Waldbühne, nicht um Eckart zu begegnen oder zu feiern, sondern um zum ersten Mal in meinem Leben Wagners "Rienzi" zu hören. Das war am 11. August 1939. So jedenfalls weist es mein Autogrammbuch aus.

Ich konnte damals nicht ahnen, dass ich wenige Jahre später, genau gesagt am 29. Oktober 1941, mein Staatsopern-Statistendebüt ausgerechnet in "Rienzi" geben würde. Freilich nicht im Haus Unter den Linden, sondern im "Krolloper"-Exil. Glücklicherweise gab es ja im "Rienzi" für Statisten viele tragende Rollen. Ich glaube, mir fielen viele besonders schmeichelhafte zu. Abgesehen natürlich von den vielen Volksaufläufen, bei denen man sich von hinten links nach vorne rechts auf offener Bühne voranarbeiten musste. Das wurde abends nach Schluss der täglich wechselnden Vorstellungen bis zur Erschöpfung gründlich geprobt, immer in der Hoffnung, dass kein Fliegeralarm uns junge Künstler für Stunden in den bombensicheren Keller treiben würde.

Mein verehrter Fritz Zaun war der Dirigent des Freiluft-"Rienzi". Auf dessen Dirigierkünste in der Hochschule der Musik ich lange schon abonniert war. Ich hatte einen Podiumsplatz und konnte Zaun demnach das ganze Konzert über ungeniert ins Gesicht sehen. Das war sehr lehrreich - und unterhaltsam war es überdies auch.

Gotthelf Pistor, der Heldentenor des Deutschen Opernhauses, sang den Freiluft-"Rienzi", seine Schwester Irene war Elisabeth Friedrich, beide waren hoch angesehen im Musikleben der Hauptstadt. Allerdings spielte die Deutsche Oper generell hinter der Staatsoper in der zweiten Reihe. Immerhin war es Pistor, wie der Friedrich, natürlich mit Kusshand gestattet, sich in mein Album einzutragen, nachdem schon Prof. Dr. Niedecken- Gebhard, Regisseur und Respektsperson der Aufführung, mit seinem ausschweifenden Namenszug (plus Titeln) nicht geknausert hatte.

Volle dreiunddreißig Jahre später aber schrieb sich mit sichtlichem Vergnügen noch ein Spätkömmling in mein Autogrammbuch ein, der damals den Colonna gesungen und seitdem eine Weltkarriere gemacht hatte. Ich hatte ihn immer wieder bewundert als den schier unentbehrlichen Bassisten, hatte ihn aber noch nie in Person erwischt, um ihn endlich einmal in aller Ruhe zu interviewen. Er war aber nirgends aufzutreiben. Er schien geradezu in den Opernhäusern, in denen er auftrat, zu wohnen. Eine feste Adresse hatte der Wundermann offenbar nicht. Auch keines der Opernhäuser, in denen er auftrat, kannte sie. Nur eines half: die Telefonnummer seines Chauffeurs. Rief man bei ihm, dem verlässlichen Mittelsmann an, wurde man im Handumdrehen von Josef Greindl zurückgerufen. Als ich ihn fragte, wann und wo ich ihn denn für ein Gespräch besuchen dürfe, sagte er kurz und knapp, er käme ganz einfach zu mir, nannte überdies Tag und Stunde - und das war's auch schon.

Es ging Greindl aus irgendwelchen Gründen darum, sich von der Öffentlichkeit abzuschirmen, Und er war offensichtlich ebenso erfolgreich darin wie in seinen Bühnenrollen. Überdies war er auf die Minute pünktlich. Irgendwann, irgendwie kamen wir auf den Waldbühnen-"Rienzi" zu sprechen, an den er sich mit Vergnügen erinnerte. Er sah sich mein Autogrammbuch an, blätterte neugierig und offenkundig amüsiert darin herum, bis er sich kurz entschlossen direkt unter Gotthelf Pistor einzeichnete.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern