Konzert

Simon Rattles Läuterung mit Mahlers Neunter

Der 9. Sinfonie Gustav Mahlers ein Prélude von Helmut Lachenmann vorzuschalten, wie es die Philharmoniker unter Sir Simon Rattle in ihrem jüngsten Programm taten, gleicht einer Ehrung Lachenmanns.

Er ist über die Jahrzehnte hin der unnachgiebige Ruhestörer hinter den philharmonischen Kulissen geblieben. Er beschäftigt sich mit dem Niederreißen der Alltäglichkeit. Er gittert sich unermüdlich in einen Käfig der Avantgarde ein, um das Publikum zu erproben. Das aber nimmt Lachenmanns Findungen inzwischen ohne Widerspruch hin. Im Gegenteil. Es feiert ihn herzlich und bedankt ihn für seine kompositorische Unerschütterlichkeit. So auch diesmal nach der Aufführung seines "Tableau" unter Rattle, einer zehnminütigen kritischen Retrospektive der musikalischen Vergangenheit. Ob die Zukunft es sich leisten kann, so zu klingen, steht auf einem anderen Blatt.

Auch Mahler hat es nicht geliebt, auf der sakrosankten, herkömmlichen Stelle zu treten. Er bastelte aber nicht pausenlos an zu erneuernden Kompositionstechniken herum, sondern schrieb in seinen Noten immer erneut sein Lebensglück oder -unglück nieder und zog sich danach wie an den eigenen Haaren aus dem Notensumpf des ihm auferlegten Schicksals. Seine Musik versteht es zu rühren und zu ergreifen. Sie baut dabei unerbittlich auf die Erstklassigkeit des Orchesters und seines Dirigenten. Prompt hat man die Philharmoniker selten so ausgeglichen und hingabevoll spielen hören wie beim Vortrag der "Neunten" von Mahler, die es sich in den Sinn gesetzt hat, mit langsamen, nachdenklichen Sätzen zu beginnen und zu enden und den Lebenswagemut nur "sehr trotzig" zwischendurch auszustellen. Ganz am Schluss erfindet Mahler seiner Sinfonie auch noch die Dauergloriole des Pianissimo. Es wird dem Hörer alle Zeit gelassen, sein eigenes Leben vor den Richtstuhl des Dirigentenpultes zu rufen. Ein musikalischer Läuterungsprozess kommt in Gang. Und genauso hebt Sir Simon ihn aus der Taufe: ein meisterhafter Dirigent voll ausgereifter musikalischer Kenntnis, jedoch ohne Preisgabe des Gefühls.