Wunsiedel

Traum vom Theater und Sehnsucht nach der verschlafenen Zeit

Theaterroman, so lautet der Untertitel von Michael Buselmeiers "Wunsiedel" - vordergründig aus einem recht nachvollziehbaren Grund: Der Roman spielt auf dem Theater.

2008 kehrt Buselmeiers Protagonist, der gealterte Moritz Schoppe, besuchsweise an die Freilichtbühne Wunsiedel zurück; 44 Jahre zuvor hat er hier, in der oberfränkischen Provinz, sein erstes Engagement als Dramaturg und Darsteller - nun ja: durchlitten. Ein Nervenschauspieler sei er, hat damals sein Förderer (ein Mann, der allerdings nicht nur hehre Absichten verfolgte) gesagt - die Betonung lag vielleicht auf Nerven. Wunsiedel - im Bildungsgang des Moritz Schoppe steht der Name vor allem für eins: Krise.

Wunsiedel - der Ort fordert den alten Schoppe zu gewissermaßen doppelt belichteten Beobachtungen heraus. In der Prosa Buselmeiers, im Präsens gehalten, verschwimmen Wunsiedel damals und Wunsiedel jetzt; Wunsiedel entpuppt sich als Drehbühne in Schoppes Theater des Lebens. Architektur oder Natur werden zu Kulissen und Requisiten des Empfindens: "Die fränkischen Bauernhäuser am Wegrand, ernst auf den Abend zu mit immer längeren Schatten ..."

Heimatroman - dieser Untertitel hätte für "Wunsiedel" auch gut gepasst. Mit äußerst feiner Ironie und leiser Sehnsucht notiert Schoppe, was Wunsiedel war und geworden ist: Die bundesdeutschen Jahre vor 1968 scheinen hier auf, als wäre diese Provinz der Kulminationspunkt der frühen Bonner Jahre gewesen, ihr geheimes und recht verschlafenes Zentrum, das Schoppe, der schon vom Aufbruch des Regietheaters träumt, als junger Mann wecken wollte - und nach dem er sich nun, da es für immer entschlafen ist, zurücksehnt.

"Das Leben gleicht einem Buche", so beschrieb es einmal Jean Paul, ein gebürtiger Wunsiedeler. "Toren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, dass er es nur einmal lesen kann."

Michael Buselmeier: Wunsiedel. Wunderhorn, Heidelberg. 158 Seiten, 18,90 Euro.

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