Kunst

Kapital, Handwerk, Experiment

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Gabriela Walde

Pawel Althamer liebt das Anarchische in der Kunst. Er stülpt die Dinge gern um, vertauscht die Rollen und hebelt ausgebufft die Mechanismen des Kunstbetriebs aus. Und so ist das Guggenheim Berlin die nächsten zweieinhalb Monate kein klassischer Ausstellungsraum mehr, sondern eine kleine Fabrik mit gleich zwei Glashallen.

Betritt man das Gebäude, so sind wir gleich mittendrin in der lebendigen Produktion: zwei Maschinen, die weiße, heiße Polyesterwürste ausspucken, Spint, Handschuhe, Wanduhr, Bohrer, alles da. An einem Werktisch gießen Assistenten lebensechte Gesichter aus, die aussehen wie Totenmasken.

Almech heißt diese Manufaktur, das steht auch in mächtigen froschgrünen Lettern draußen an der Fassade Unter den Linden. Almech, das ist der Name der gleichnamigen Plastikfabrik von Althamers Vater Adam in einem Vorort Warschaus. Es soll einen regelrechten Lastwagen-Lieferverkehr zwischen Berlin und Warschau geben.

Und die Ausstellung? Sie entsteht als "work in progress". Die Besucher können ihre eigenen Gesichter gießen lassen, die anschließend auf menschengroße, rollbare Stahlskulpturen aufgesetzt werden. Ein makaberes Panoptikum. Und Pawel Althamer? Der polnische Künstler steht mittendrin in seinem niegelnagelneuen Blaumann, grinst und sagt: "Ich bin ein freundlicher Arbeiter. Ich arbeite so gerne mit den Händen!". Handwerk ist Tradition in Polen. Eines ist klar: So radikal hat sich das Guggenheim als Institution mit einer experimentellen Auftragsarbeit noch nie einem Künstler ausgeliefert.

Die Preise steigen

In Berlin ist Althamer, eine Schlüsselfigur in der erstaunlich dynamischen Kunstszene Polens, kein Unbekannter. Vertreten wird er von der Galerie neugerriemschneider, 2000/2001 hatte er hier ein DAAD-Stipendium, auf der Berlin Biennale 2006 machte seine eindrückliche Arbeit "Fairy Tale" Furore. Ohnehin ist Kunst aus Polen derzeit hoch im Kurs, die Preise auf dem Kunstmarkt steigen stetig, und in Berlin ist sie derzeit so stark wie nie. Der Martin-Gropius-Bau zeigt die große Schau "Tür an Tür", die gerade Aufregung und Verärgerung verursacht, weil ein Gaskammer-Video von Artur Zmijewski, dem Chef der kommenden Berlin-Biennale, entfernt wurde. Holocaust ist auch ein zentrales Thema von Miroslaw Balka, Künstlerfreund von Pawel Althamer, der dem Schrecken poetische Videos entgegensetzt. Er bespielt die Akademie am Pariser Platz. Das Haus am Hanseatenweg widmet sich den polnischen Medienpionieren. Das Künstlerhaus Bethanien versammelt mit "Polish" die jüngeren Positionen des Landes. Jubiläen wie zwanzig Jahre Nachbarschaftsvertrag und Städtepartnerschaft Berlin/Warschau oder die EU-Ratspräsidentschaft stecken den politischen Rahmen für diesen künstlerischen Aufschwung in der Hauptstadt.

Pawel Althamer steht wie kein anderer für die Neubestimmung in der Kunst seiner Heimat. Nun der Reihe nach. 1967 wurde Pawel in einem Vorort von Warschau geboren. In Almech wurden Flaschen produzierte. Nach dem politischen Kollaps von 1989 mussten neue Strategien gefunden werden. Heute stellt Vater Althamer in Wesola weiße Plastikrohre her, teilweise noch per Hand. Wer den Arbeitern vor Ort einmal auf die Finger schaut, sieht, dass sie fingerfertig wie Bildhauer modellieren. Irgendwann begann Pawel sich mit Produktionsformen zu beschäftigen. Kapital, Handwerk, Kunst: bei ihm gehört das zusammen. Nun spenden Papas alte Maschinen das Material für seine Skulpturen. Die Basis für sein Guggenheim-Projekt bilden die Stahlfiguren. Sie werden mit weißen Kunststoffsträngen wie mit Bandagen umwickelt. Pawel arbeitet dabei variantenreich: manche Figuren sehen aus wie Gunter von Hagens Plastinate, andere gleichen Märchenprinzessinnen mit langen Gewändern, einige andere marschieren auf wie zerfledderte Zombies. Surrealistisch ist diese weiße Szenerie allemal.

Doch die Gesichter sind es, die diese Skulpturen so besonders machen. Grinsende Masken, strenge, versunkene und traurige. Alle haben geschlossene Augen.

Jeder Besucher kann sich die Maske "abnehmen" lassen, egal ob Banker, Friseurin oder Mutter mit Kind. Per Los wird das entschieden. Nach und nach wird das Geisterhaus voll werden. "Darf ich mein Gesicht zurücknehmen, wenn es mir nicht gefällt?" fragt eine ältere Dame. Nein, darf sie nicht. Ihre Falten gehören dem Künstler.

Pawel ist kein Künstler, der das Elitäre pflegt. Kunst ist für ihn, ganz im Gefolge vom Joseph Beuys, so etwas wie eine soziale Plastik, demnach für jedermann zugängig und auch verhandelbar. Eine Art Solidarnosc, über alle Gesellschaftsschichten hinweg. "Er arbeitet stets mit den Leuten vor Ort, er ist einer von ihnen", erzählt sein Warschauer Galerist Andrzej Przywara.

Althamer auf der Berlin Biennale

Pawels Kunst lässt sich besser verstehen, wenn man sie im Kontext der Veränderungen zu Beginn der 1990er Jahre in Polen einordnet. Wenn man sich in Warschauer Künstlerkreisen umhört, fällt schnell auf, dass es dort ein vitales Interesse an Politik, an gesellschaftlichen Fragenstellungen gibt. Und: "Es gibt den Mut, Position zu beziehen, Künstler wollen nicht länger in der Branche isoliert sein", so erklärt es Slawomir Sierrakowski, Jahrgang 1979 und Soziologe. Kunst hat immer etwas mit der Realität zu tun, in der man lebt. "Engagiert sein, involviert sein, in das, was draußen passiert", so nennt es Pawel Althamer.

So erklärt sich wohl auch, warum Pawel Althamer heute noch in einer Platte in der Ul Kranobrodzka Nr. 13 in der Trabantenstadt Brodno am Rande Warschaus lebt. Dort ist er bekannt wie ein bunter Hund, weil er die Anwohner, auch die Kinder schon oft in seine Projekte integrierte. Viele erinnern sich noch an sein Millenniums-Projekt. Die Zahl 2000 hat er an die Fassade eines dieser riesigen Wohnblocks mittels Illuminierung einzelner Wohnräume "einschreiben" lassen. 200 Familien kontaktierte er, damit die pünktliche Beleuchtung kompositorisch funktionierte.

Ein Event, etwa 3000 Leute aus dem Quartier nahmen am Lichtspektakel teil, die meisten von ihnen hatten noch nie etwas von zeitgenössischer Kunst gehört. Althamer verteilte Info-Material, es gab zu trinken, getanzt wurde und musiziert. Die Medien berichteten über diese Nacht, und wie diese Leute leben. Die nackte Realität draußen vor der Tür ist es, die Pawel antreibt. Und da liegt ein Unterschied zur oft hedonistisch verspielten Kunst aus dem Westen.

Auch nächstes Jahr werden wir Althamer in Berlin antreffen können. Artur Zmijewski hat ihn zur Berlin Biennale eingeladen, er darf da nicht fehlen. Pawel plane, so hört man, eine große Konferenz. Doch wie wir ihn kennen, wird es irgendwo in der Stadt noch anarchische Einsprengsel geben. Wer weiß, vielleicht mit weißen Gesichtsmasken.

Guggenheim Berlin , Unter den Linden 13/15, Mitte. Tgl. 10-20 Uhr. Bis 16. Januar. Katalog: "Zeitgenössische Künstler aus Polen" (Steidl/Positionen): 20 Euro.