Kleinkunst

Willkommen im perfekten Schweizer Chaos

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Christoph Wenzel

In der Pause reicht es dem Ehepaar. "Also, mir ist das zu albern", sagt sie, trinkt den Weißwein leer. Er nickt, zahlt und verlässt mit seiner Gattin das Tipi am Kanzleramt. Doch es sind die einzig erkennbaren Verluste, die das Schweizer Kleinkunst-Duo Ursus und Nadeschkin bei der Berlin-Premiere ihres Programms "Zugabe" zu beklagen hat.

Der Rest des Publikums im vollen Zelt genießt die Vorstellung, johlt und spendet eifrig Applaus, während die beiden eine Auswahl ihrer schrägsten Nummern aus 24 Jahren vorführen.

Cushion-Percussion etwa gehört dazu, in der Nadeschkin das Schlagzeug von Ursus entnervt mit Kissen zum Schweigen bringt. Oder auch das Bewerbungsgespräch, bei dem sie sich nicht einigen können, ob sie es als Komödie oder Tragödie spielen wollen.

In der Schweiz sind die beiden Stars der Kabarett-Szene, sie sind Träger des Reinhart Rings und haben 2002 den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen. In den USA wurden sie die "German Marx Brothers" genannt. Was natürlich ein sehr schräger Vergleich ist, weil Ursus und Nadeschkin dermaßen mit ihrem Schweizertum wuchern, das niemand auch nur entfernt auf die Idee kommen könnte, sie könnten Deutsche sein. "Wir habens gut, wir können zurück in die Schweiz", erklärt Nadeschkin dem Publikum ihren Akzent. "Aber ihr müsst so weiter reden."

Soweit zur Deutsch-Schweizer-Dialektik. Aber der Vergleich mit den Marx Brothers - der passt. Urs Wehrli und Nadja Sieger beherrschen ihr Handwerk, eine eigentümliche Mischung aus Slapstick, Wortakrobatik und Clownerie - kurz das organisierte Schweizer Chaos - perfekt.

Die Rollenaufteilung zwischen den beiden, die sich 1987 bei einem "stinklangweiligen" Zirkus-Workshop kennenlernten, ist klar: Der hochgewachsene Ursus im weiten Nadelstreifen-Gehrock gibt den ruhigeren, nachdenklichen Typen, der sich oft von Nadeschkin durch den Kakao ziehen lassen muss ("Drei Jahre auf der Pantomimenschule. Aber spiel du mal schwanger im zweiten Monat."). Passend zur blondierten Struwwelpeter-Frisur ist sie auf Krawall gebürstet. Kurz: Das Paar ergänzt sich - so, wie es bei Geschwistern manchmal der Fall ist.

Natürlich ist es nichts Hochgeistiges, was Ursus und Nadeschkin in ihrer abendlangen "Zugabe" zur Schau stellen. Aber es ist unterhaltsam, temporeich und sorgt für gute Laune. Nicht nur bei den drei Handvoll Schweizern im Zelt. Und mal ehrlich: Einen Abend lang nicht die Schlagworte "Griechenland", "Rettungsschirm" und "Eurokrise" um die Ohren gehauen zu bekommen - das hat doch auch etwas für sich.

Tipi am Kanzleramt , Tiergarten. Tel. 39 06 65 50. Bis 13. November, Mo-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr.