Gedenken

Wund gescheuert an den Mauern zwischen Utopie und Wirklichkeit

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Reinhard Wengierek

Ein Mann vor wackliger Handkamera: Nackt; noch festes Fleisch. Scharfe Nase, Stirnglatze. Unter buschigen Brauen ein bohrender Blick: himmelweit aufgerissene Augen voll Wut, Schrecken, Bitternis; zwischen nervösen Lippen Marlboro. So schaut er aus, ein deutscher Dichter ohne Hemd und Hose. "Tja, ist nicht mehr wie früher", grinst Thomas Brasch.

Und weiß: Diese Entblößung gehört unbedingt ins Filmporträt, das Brasch-Freund Christoph Rüter drehte in dessen letzter Wohnung Berlin Schiffbauerdamm mit Blick auf Spree, BE, Brecht-Denkmal. Das war Mitte der 1990er Jahre, wenige Jahre vor Thomas' Tod am 3. November 2001. Jetzt, ein Jahrzehnt später, kommt "Brasch. Das Wünschen und das Fürchten" ins Kino.

Die Nacktszene, komisch und todernst zugleich, hakt sonderlich im Gedächtnis. Als Sinnbild eines Künstlertums, das sich reibt an Wirklichkeiten, die nicht so sind und verdammt auch nicht so werden wollen wie in den schönen Träumen. Für T.B. die Folter seines Lebens. Der er sich tapfer entgegen stellte. Geschützt allein von Poesie. Dieser Nackte - ein Schmerzensmann. Sein Kreuz, dass er brauchte für die Kunst und das er gleichermaßen hasste, hieß Dissidententum: "Die Staatsfeindpose bringt so ein Priestertum mit sich; auch Opposition kann Opportunismus sein".

"Niks. Hab niks zu verliern./ n Pferd springt durchde Wand,/ wenns ausm Stall will." - Eine von Thomas Braschs ersten Veröffentlichungen; Lyrik, mit dreißig Jahren, nach NVA-Kadettenschule, Filmstudium (Babelsberg), Knast ("staatsfeindliche Hetze"), Verbannung ("in die Produktion"). Das war 1975 im "Poesiealbum", galt als toller Geheimtipp. Schon auf dem Umschlag die surreale Grafik von Einar Schleef! Kerl mit aufgerissener Jeansjacke, aus der die Eingeweide quellen. Auf dem letzten Blatt des 32-Seiten-Heftchens die ätzende Frage "Wie viele sind wir eigentlich noch". Dazu der Aufschrei wie ein Schlachtruf: "Jetzt trägt er Anzug und Krawatte./ Wir sind die Aufgeregten. Er ist der Satte." Braschs prophetischer Antrag zur Ausreise aus allen seinen Ländern, Bindungen, Lebensumständen. Da lag der erste Roman "Vor den Vätern sterben die Söhne" schon fertig im Schubfach, die DDR-Zensur winkte ab. Deshalb das Jahr drauf zusammen mit Katharina Thalbach die "einmalige Ausreise in die BRD". Und von dort aus der kometenhafte Aufstieg in den Literaturhimmel, die Theater- ("Mercedes", "Rotter") und Filmszene ("Engel aus Eisen").

Doch er konnte seinen Zwängen nicht entgehen; konnte in keinem Himmel, keiner Szene heimisch werden. Das Kind jüdischer Kommunisten, das 1945 im englischen Exil der Eltern geboren wurde (Papa wurde führender Genosse), blieb ein elend Getriebener. Weggefährte Klaus Pohl machte ihn zur Hauptfigur des 500-Seiten-Romans: "Die Kinder der preußischen Wüste"; erscheint jetzt ebenfalls.

Als Shakespare-Übersetzer wuchs Thomas Brasch zur epochalen Figur; jenseits allen Filmens, aller Stücke- und Romanschreiberei - viele tausend Seiten liegen ungedruckt im Archiv, das er der Akademie vermachte. Braschs späte Jahre bei Shakespeare: Zauberisch beseelt oder drastisch kriegerisch, mit kaltem Blick und Herzenszartheit vergegenwärtigt er das menschliche Mysterium. Das Göttliche wie Banale des Menschseins, seine Blödigkeit und seinen Dreck. "Irrewirre" lässt er in "Macbeth" die Hexen raunen. Allein für dieses "Irrewirre" als Bild für den Menschheitszustand gebührt ihm die Palme. Claus Peymann hielt den schwer melancholisch "Irrewirren" von der Spree mit über Wasser. Liebte demütig und spielte ruhmreich Braschs Shakespeares.

Ein Lieblingssatz von Brasch kommt von Heiner Müller: "Wer keinen Feind mehr hat, trifft ihn im Spiegel." Brasch guckte da gern rein; brauchte das nicht bloß aus Eitelkeit: Denn ohne Widerpart kein Denken, Fühlen, Schreiben. Wäre sofort tödlich. Was er sich selbst und die Welt ihm an Gift eingab, überlebt im Werk. "Ach, wenn ihr mich gestorben habt, lebt ihr mich einfach weiter."

Berliner Ensemble , Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Brasch-Tage vom 3.-6. November, Karten: Tel. 28 40 81 55.