Interview

"Filme kommen zu mir wie Einbrecher"

Erst 1994 wurden sie entdeckt: die ältesten bekanntesten Höhlenmalereien in Chauvet. Um die Fehler der Lascaux-Höhle nicht zu wiederholen, wo durch jahrzehntelange Besucherströme Pilzbefall entstand, bleibt der Zugang zur Chauvet-Höhe nur wenigen Wissenschaftlern vorbehalten. Damit die Welt dennoch einen Einblick in 32 000 Jahre alten Wandmalereien nehmen kann, durfte Werner Herzog dort filmen.

Seine 3D-Doku "Die Höhle der vergessenen Träume" kommt am Donnerstag ins Kino. Peter Zander hat mit dem deutschen Regisseur gesprochen.

Berliner Morgenpost: Bevor wir über Ihre Höhlenwanderung sprechen: Gerade wurde vermeldet, Sie werden in "One Shot" den Gegenspieler von Tom Cruise spielen. Wie kam es denn dazu?

Werner Herzog: Das ist wie eine kleine Arabeske. Eine eher kleine Rolle, leider muss ich am Ende umgebracht werden. Sehen Sie, ich wurde in den USA vor allem durch Filmrollen bekannt. Wenn es Niederträchtige, Gemeingefährliche darzustellen gibt, bin ich gut. Aber bitte: auf der Leinwand. In den USA ist ja schon meine Stimme sehr bekannt, durch meine Auftritte bei den "Simpsons". Im Internet gibt es schon ein Dutzend gefälschter Herzogs, die meine Stimme imitieren. Der Bösewicht in "Captain America" etwa, das ist eine Herzog-Imitation in einem Spielfilm. Tom Cruise wollte wohl das Original.

Berliner Morgenpost: Es gab etliche Filmemacher, die gern in der Höhle von Chauvet gedreht hätten. Wie ist es gerade Ihnen gelungen, die Drehgenehmigung zu bekommen?

Werner Herzog: Da gab es mehrere Instanzen: das französische Kultusministerium, die regionale Regierung und der Rat der Wissenschaftler. Alle drei mussten ihre Zustimmungen geben, das war sehr kompliziert. Aber obwohl die Franzosen ja sehr territorial sein können, wenn es um ihre Kultur geht, wissen sie alle, dass ich als Regisseur kompetent bin. Ich hatte wohl auch eine Glut in mir. Ich war derjenige, der es wirklich machen musste, weil ich schon von ganz ganz früh an eine Faszination an paläolithische Kultur hatte. Das hat sich wohl mitgeteilt.

Berliner Morgenpost: Sie betonen immer wieder, dass Sie Filmprojekte oft nicht selber anstoßen, sondern dass die quasi zu Ihnen kommen, als ob die Sie suchen würden... Ein Sterntaler-Effekt?

Werner Herzog: Na, das wäre zu märchenhaft. Sie sind eher wie uneingeladene Gäste. Manche sogar wie Einbrecher in der Nacht. Und das Problem, das ich habe: Ich komme nie hinterher. Den Höhlenfilm habe ich gerade herausgebracht, da kommt schon mein nächster ins Kino. Und bis Ende des Jahres liefere ich noch vier weitere Filme ab.

Berliner Morgenpost: Sollten Sie dann nicht, um im Bild zu bleiben, eine Alarmanlage installieren?

Werner Herzog: Das habe ich lange Zeit versucht, hilft aber nichts.

Berliner Morgenpost: Sie sind jetzt der Auserwählte, der für die Menschheit in diese Höhle gehen durfte.

Werner Herzog: Das ist jetzt zu viel Weihrauch. Nein, ich war derjenige, der die Arbeit gemacht hat. Dabei war mir eins wichtig: Wie bekomme ich dieses vollkommene Staunen, das ich hatte, als ich die Höhle betreten durfte, in den Film? Wenn mir das gelingt, dann habe ich die Arbeit richtig gemacht, dann hat es Sinn gemacht, mir das anzuvertrauen. Und ich glaube, es funktioniert. In den USA geht keiner aus dem Kino und spricht von einem "Movie". Die reden alle von der Höhle, als wären sie selber drin gewesen.

Berliner Morgenpost: Wie war denn Ihr Erleben in der Höhle? Sie weist die ältesten bekannten Höhlenmalereien auf, noch älter als die von Lascaux.

Werner Herzog: Ich war nicht unvorbereitet. Ich habe ja recherchiert. Aber als ich vor Ort war, traf es mich dann doch ganz unvorbereitet. Weil die Höhle vor Zehntausenden von Jahren durch einen Felssturz versiegelt wurde, wirkt das, als wäre es vor einer Viertelstunde verlassen worden. Das ist wie eine Zeitkapsel. Und diese Malereien haben eine solche Intensität und Schönheit, dass ich das gar nicht beschreiben kann.

Berliner Morgenpost: Sie sollen schon als Kind fasziniert von Höhlenmalerei gewesen sein.

Werner Herzog: Ja, ich war 12, als ich im Schaufenster einer Buchhandlung einen Band entdeckte mit einem Pferd der Lascaux-Bilder als Titel. Mir war sofort klar, dieses Buch muss ich haben. Ich habe ein halbes Jahr darauf gespart, als Balljunge auf dem Tennisplatz. Und schlich jede Woche an der Auslage vorbei, um nachzuschauen, ob das Buch noch da ist. Ich bin ja in den Bergen aufgewachsen, ich wusste gar nicht, was eine Buchhandlung ist, und glaubte ganz fest, es gebe nur dieses eine Buch.

Berliner Morgenpost: War das eine Initialzündung für Sie, einmal Filme zu machen? Der Hermeneut Vilém Flusser hat ja anhand der Lascaux-Bilder seine berühmte Analogie von Höhlenmalerei und Kino festgemacht.

Werner Herzog: Da muss man vorsichtig sein. Immerhin: Es ist auffällig, dass man bereits in der Chauvet-Höhle versucht hat, Bewegung darzustellen. Ein galoppierender Bison etwa wurde mit acht Beinen dargestellt, ein Wollnashorn in acht hintereinander geschobenen Einzelphasen. Das ist ähnlich wie beim Animationsfilm. Mit gewissem Bedacht kann man also schon einen Bezug herstellen, eine Art Proto-Kino.

Berliner Morgenpost: Die Chauvet-Höhle zeigt einmal mehr: Sie gehen da hin, wo sonst keiner hingeht. Warum reizen Sie immer die extremen Orte?

Werner Herzog: Ach, so extrem sind die Orte doch alle gar nicht. Der Urwald ist auch nur ein Wald. Und die Antarktis ist heute auch nicht mehr so, wie wir uns das aus der Zeit von Scott Amundsen vorstellen. Da gibt es heute einen Geldautomaten und ein Aerobic-Studio. Sie nehmen natürlich wahr, dass ich mich horizontal weit ausgebreitet habe, aus einer intensiven Neugierde: neue Horizonte zu finden, Bilder, die wir so nicht kennen. Aber im Grunde geht es immer um einen tiefen, einen vertikalen Blick. "Into the Abyss" heißt der Film, den ich als nächstes herausbringe. In den Abgrund. Das ist komisch, denn diesen Titel hätte ich auch für den Höhlen-Film, hätte ich für die Hälfte meiner Filme nehmen können. Es geht immer um einen tiefen Blick in unseren menschlichen Zustand. Es darf Sie also nicht bekümmern, wenn ich auf einen Berg steige, um zu drehen.

Berliner Morgenpost: Aber kein Filmemacher nimmt das so regelmäßig auf sich wie Sie.

Werner Herzog: Ich bin nicht einer dieser Selbstdarsteller, die vorgeblich ihre letzten Grenzen ausloten müssen. Das machen Leute wie Reinhold Messner, der auf Achttausender steigt. Damit habe ich nichts zu schaffen.

Berliner Morgenpost: In den Siebzigern ist Ihnen aber schon vorgeworfen worden, dass Sie ein Kolonialherr des Kinos seien, dass Sie wie Fitzcarraldo Unmögliches möglich machen wollten...

Werner Herzog: Wir wissen inzwischen, dass dies ein dümmlicher Vorwurf war. Mir wurde auch vorgeworfen, "Aguirre" sei ein faschistoider Film. Zur Zeit der Studentenbewegung hat man das nur unter solchen Blickwinkeln gesehen. Ich dachte damals schon: Ihr Kretins, wir treffen uns in 30 Jahren wieder, dann schauen wir zurück.

Berliner Morgenpost: Ich habe mir überlegt, was könnte bei Ihnen nach der Höhle an neuen Orten kommen. Der Weltraum vielleicht. Sie sind stattdessen in die Todeszelle gegangen.

Werner Herzog: "Into the Abyss". Das ist vielleicht auch kein extremer, aber mit Sicherheit mein intensivster Film. Den habe ich nicht so leicht von der Schulter bekommen. Beim Schnitt haben sowohl der Cutter als auch ich wieder zu rauchen angefangen. Wir arbeiten gern bis mitten in die Nacht, bei diesem aber war ich zum ersten Mal nach wenigen Stunden platt. Wie wenn man von einem Lastwagen überfahren wird.

Berliner Morgenpost: Wie erholt man sich von so einem Film?

Werner Herzog: Ich erhole mich, indem ich den Gegner von Tom Cruise spiele.