Villa Grisebach

Kunstliebhaber mit Bürgersinn

Es ist der berühmteste Roman deutscher Sprache. Er handelt von Glanz und Elend des Bürgertums. Auf siebenhundertneunundzwanzig eng bedruckten Seiten wird eine Familiengeschichte erzählt, wo die bürgerlichen Tugenden Fleiß, Augenmaß, Nüchternheit und Ehrgeiz ruiniert werden durch Schwärmerei, Irrationalismus, Begegnung mit dem Exotischen, schließlich mit jenem Phänomen, wo sich all diese gefährlichen Ingredienzien zum Antibürgerlichen schlechthin vereinigen: der Kunst.

"Mein Sohn, Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können." So lautet über Generationen die Devise, und man fährt gut damit. Und "Dominus providebit" steht auf dem Giebel des Hauses in der alten Hansestadt, von der die Schiffe hinausgehen in die Welt und ehrliche Kaufmannschaft waltet. In der ersten Generation ist man noch erzsolide und dabei dennoch heiter und weltläufig. Man pendelt zwischen Kontor und Empiresalon, und aus klugen Gedanken werden erfolgreiche Geschäfte. In der zweiten Generation schleicht sich eine sentimentale Religionsschwärmerei ins Haus und beginnt den Blick auf die Realität zu vernebeln. Man tut gute Werke, aber ohne Ziel und Zweck. In der nächsten Generation nimmt sich der Firmenchef eine interessante Frau aus dem Ausland und lässt sich auf unsolides Kaufen der Ernte auf dem Halm ein, was prompt schiefgeht. Er engagiert sich für die Res Publica und lässt sein Geschäft schleifen darüber.

In der vierten Generation ist der Firmenerbe allem Rechnen und allen Tugenden des Kontors so entfremdet, dass sein letzter Sinn für die Kaufmannswelt im Nu ruiniert wird, als er der modernen Kunst und ihrer überwältigenden Schönheit begegnet - in Gestalt der avanciertesten Form seiner Zeit, der Musik Richard Wagners. Hier ereignet sich das Aufregende schlechthin: unerhörte Farben und Harmonien, aber auch die Zerstörung von Vernunft durch den Wahn. Hanno ist begeistert, er brennt für die Kunst, und damit verbrennt - leider - auch aller Geschäftssinn. Der Schluss des Romans ist bekannt - aus ist es mit dem Familienglück, und am Ende ziehen die Konkurrenten ein ins schöne Haus mit dem edlen Giebel.

Es geht auch anders. Unser neuer Familienroman beginnt auch in einer Hansestadt im Norden. Und auch hier soll einer Kaufmann werden und wird ins Kontor gesteckt. Und auch ihm geschieht die Begegnung mit der Kunst. Und auch er beginnt zu schwärmen in einer Gefühlsreligion, beginnt zu brennen für das Aufregende schlechthin, die Moderne. Auch er ist verfallen den unerhörten Farben und Harmonien, diesmal des Expressionismus. Und auch er holt sich eine interessante Frau aus einem fernen Land. Aber aus der Begegnung zwischen Bürgersinn und Kunst wird diesmal kein Unglück, sondern der Glücksfall. Denn nicht prosaische Kornsäcke sammelt Bernd Schultz in seinen Lagerräumen, vor denen er dann in die Kunst flüchten müsste, sondern die Kunst selbst ist es, die er importiert und exportiert.

Glücklicher Kaufmann! Unsere Antibuddenbrooks beweisen, dass zwischen der Kunst und dem Bürgersinn, hält einer nur die hanseatische Waage und hat Fortüne, die friedlichste Allianz geschlossen werden kann. Im Kontor ist der Chef am Tag und bis spät in der Nacht, genauso wie es seine hanseatischen Vorgänger hielten. Und aus klugen Gesprächen, heiter und weltläufig geführt auf Empiremöbeln, werden kluge Geschäfte, die nicht nur den Firmenchef, sondern erst recht seine Kunden glücklich machen. Dass er unsichere Ernte auf dem Halm kaufen könnte, fiele ihm nicht im Traum ein.

Er brennt vor Begeisterung für seine kostbare Ware, aber er hat seinen Verstand nicht verbrennen lassen dabei. Er tut gute Werke, engagiert sich für die Res Publica, aber mit Ziel und Zweck. Das "Dominus providebit" steht nun schon Jahrzehnte unsichtbar auf dem Giebel der Fasanenstraße geschrieben. So soll es, so wird es bleiben.

Er engagiert sich für die Res Publica, aber mit Ziel und Zweck