Theater

Sie verstolpern sich im allzu Vorhersehbaren

Manch einer erzählt heute noch mit glänzenden Augen von Thomas Langhoffs "Möwe" am Deutschen Theater. Das war 2001, kurz bevor Langhoff als DT-Intendant abgelöst wurde. Seit damals hat Langhoff kein Stück von Anton Tschechow mehr inszeniert. Nun bringt er am Berliner Ensemble dessen "Kirschgarten" auf die Bühne.

Das 1904 uraufgeführte Drama wird wieder gern gespielt. Es passt in unsere Zeit, in der ganze Staaten über ihre Verhältnisse leben und scheinbar unbewusst in den Bankrott schlittern. Dass das Geld futsch, das alte Gutshaus samt Kirschgarten hochverschuldet ist, will Gutsbesitzerin Ranjewskaja genauso wenig wahrhaben, wie Banker und Politiker lange Zeit um die anrollende Finanzkrise wissen wollten.

Diese Dimension hat Langhoff allerdings kaum interessiert. Er schaut vielmehr auf die Menschen, denen ihre vertraute Ordnung abhanden gekommen ist und die sich vor den Problemen der Gegenwart in Verdrängung und Sentimentalität flüchten. Mit der neuen Freiheit können sie nicht umgehen. Für den alten Diener Firs ist sie gar "ein Unglück". Was bei Tschechow die vergangene Zeit der Leibeigenenschaft war, mag für Langhoff die Zeit vor der Wiedervereinigung sein - allerdings sind diesbezügliche Andeutungen derart diskret, dass sich der Zuschauer das weitgehend selbst zusammendenken muss. "Ich bin ein Mann der Achtziger Jahre", sagt Axel Werner einmal, dessen verarmter Gutsbesitzer sich überall etwas pumpt und darauf hofft, dass schon irgendetwas passieren werde. Ebenso irrwitzig hofft die Ranjewskaja, nach fünf Jahren Pariser Leben an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrend, auf eine Verschonung ihres geliebten Kirschgartens.

Cornelia Froboess, eine der Großschauspielerinnen an Dieter Dorns Münchner Residenztheater, spielt eine fragil schwankende Ranjewskaja, deren Fassade aus charmant egozentrischer Nonchalance nur allzu schnell wegbrechen kann. Indem sie deutlich älter besetzt ist als die meisten Rollengenossinnen, erscheint die Kluft zwischen ihr und ihrer Tochter, der erfrischend wirbeligen und am Schluss enthusiastisch in ein neues Leben aufbrechenden Anja der Anna Graenzer, umso größer. Alte und neue Zeit rücken noch weiter auseinander. Letztere kristallisiert sich in dem zum reichen Kaufmann aufgestiegenen Ex-Bauern Lopachin, den Robert Gallinowski zwar mit mancher Überdeutlichkeit, aber durchaus sympathisch hinpoltert: rührend ist er darum bemüht, die Ranjewskaja mit neuen Ideen (Datschen auf dem Kirsch-Terrain) vor dem Ruin zu bewahren.

In Langhoffs Drama der Alten ist der Älteste der Größte. Wie Jürgen Holtz den Diener Firs zum kippligen Zentrum der Inszenierung hochspielt, ist ein Ereignis. Wie sein verlorener Blick umherirrt und die behutsamen Trippelschritte keinen festen Grund mehr zu spüren scheinen, wie er den Kopf irritiert hierhin und dorthin wendet, ohne Orientierung zu finden, wie er in hellsichtige Monologe verfällt und dabei von allen als brabbelnder Alter abgetan wird - in diesem Firs ist das ganze für Langhoff zentrale Dilemma aufgehoben.

Keiner jedoch kann ihm das Wasser reichen, schauspielerisch bleibt dieser in Ausstattung und Spiel ganz dem Realismus verpflichtete "Kirschgarten" hinter der "Möwe" weit zurück. Statt Subtilität herrscht oft unfreiwilliges Over-Acting. Da wirkt so vieles aufgesetzt, zu groß, behauptet. Die glaubwürdigen Momente, auf die dieses Theater zielt, sind rar. Und die vertrottelten Figuren mit Komik-Potenzial verstolpern sich in allzu vorhersehbaren oder langgezogenen Slapsticks, ohne dem Publikum mehr als ein paar Lacher entlocken zu können. Dass das genug ist, um sich mit glänzenden Augen daran zu erinnern, darf bezweifelt werden.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Tel. 284 08 155. Termine: 31. Oktober; 15. und 18. November.