Musik

Gruberova blättert Kompendium der Gesangskunst auf

Am 3. November ist dies Weltereignis des Singens noch einmal in der Staatsoper (also im Schiller-Theater) zu hören. Konzertant freilich nur. Aber was heißt hier "nur". Edita Gruberova inszeniert als "Norma" die Aufführung durchgehend in der eigenen Kehle.

In ihr setzt sie, Ton um Ton, das dramatische Geschehen um in berauschend klingende Bilder. Sie weist überdies wie beiläufig nach, welch ein einzigartiger Komponist Bellini war.

Freilich hat sie bis zu dieser vokalen Durchdringung des Werkes viele Jahre gebraucht. Doch jetzt sitzt jeder dramatische Hauch an der richtigen Stelle. Die Schönheit des Vortrags der Gruberova hat durch die Intensität der Ausforschung ihrer Partie nichts verloren. Wie im Nebenbei blättert sie ein Kompendium der Gesangskunst auf und unterrichtet das Publikum beiläufig darüber, wie man die einzelnen Töne zu setzen hat. Das ist nicht etwa langweilig, sondern im Gegenteil höchst packend. Man bemerkt aber auch, wie sie sich gelegentlich unter den Schutz und Schirm des ausgezeichneten Dirigenten Andry Yurkevych vorarbeitet, von ihm verlässlich die einzig richtige Akzentuierung zu erhalten. Sie kann sich darauf verlassen. Die beiden sind besser darauf eingespielt als Normas mörderische Liebesverstrickung mit dem ungetreuen Pollione, den Johan Botha, Bayreuths Vorjahrs-"Siegmund", kraftvoll und gleichzeitig delikat singt.

"Norma" ist im Grunde nichts anderes als eine dreieinhalbstündige Singschlacht. Bellinis Interpreten weisen ihm durch ihren kunsteifrigen Einsatz nach, was für ein großartiger Künstler er war, noch im Geheimen. Seine Melodik atmet mit den Sängern. Zumindest mit den hellhörigen, die darauf achten, Bellinis einzigartigen Ansprüchen gerecht zu werden. Das Bewunderungswürdige: das gelingt an diesem Abend fast allen.

An erster Stelle natürlich Sonia Ganassi, der "Adalgisa" des Abends, der Gegenspielerin Normas. Sie singt ihre Mezzopartie derart wohlklingend, dass man durchaus versteht, warum Pollione mit ihr durchbrennen will und nicht mit Norma, der Mutter seiner Kinder. Immerhin geht Pollione dennoch mit Norma Hand in Hand zum Scheiterhaufen hinauf.

Glücklicherweise lassen sie den vorzüglichen Alexander Vinogradov zurück, einen jungen Bassisten von Rang, dem jeder seiner Kurzauftritte glänzend gelingt. Aber auch Kyungho Kim, der junge koreanische Tenor, weist deutlich nach, dass Jugend kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil ist. Er singt sich mit seiner Mini-Partie in die Zukunft hinüber. Das Ensemble der Staatsoper zeigt sich an diesem Paradeabend gut bestückt. Parkett und Rang waren es nicht minder. Der Jubel ringsum klang anrührender als jeder professionelle Chor.