Kammermusik

Junges Publikum bei Rattles erster "Late Night"

Es ist schon eine Überraschung, wie relaxt Simon Rattle auf das Publikum zugeht. Der Stardirigent tut sogar etwas, was er im normalen Konzert und auch sonst so nie tun würde. Aber dazu später.

"Philharmonie Late Night" heißt die neue Veranstaltungsreihe, die Sir Simon in seinem Haus höchstselbst eröffnet hat. Das Besondere daran: Die Konzerte beginnen erst um 22.30 Uhr - nach dem Abo-Konzert. Und so bietet sich gleich zum Auftakt ein ungewohntes Bild im Foyer: Während das reifere Stammpublikum mehrheitlich nach draußen, nach Hause strömt, schieben sich jüngere Leute nach drinnen.

Freie Platzwahl ist angesagt, Trauben bilden sich vor Block A, dort, wo man den Künstlern am nächsten ist. Dort residieren die Stammkunden, die sich gleich nach dem Sinfoniekonzert mit Nikolaus Harnoncourt die besten Plätze gesichert haben. 500 Abo-Besucher sollen dageblieben sein, teilt das Haus mit, fast 700 Nachtschwärmer dazu gestoßen sein. Die platzieren sich zumeist in Block B, das Durchschnittsalter in den hinteren Reihen rechts außen liegt gefühlt bei 25 Jahren.

Aber kann man eine gerade mal halbvolle Philharmonie als Erfolg bezeichnen? Eindeutig ja. Der Erfolg steckt im gewagten Programm, Rattle und sein Dutzend Philharmoniker setzen auf zeitgenössische Kammermusik, im Zentrum stehen Werke von Luciano Berio (1925-2003). Das ist keine Massenware. Dafür haben sich viele eingefunden - das ist der Rattle-Bonus. Und der philharmonische Chefdirigent nimmt tatsächlich das Mikrofon in die Hand, begrüßt sein Publikum in zögerlichem Deutsch und versucht, das "Late Night"-Programm "mit Musik, die wir normalerweise nicht spielen würden", zu erklären. Das kommt sympathisch rüber, und man würde sich wünschen, dass Rattle künftig mehr Mut zum gesprochenen Wort findet. Für das gesungene Wort hat er seine Ehefrau Magdalena Kozena an der Seite. Die Mezzosopranistin verführt mit Berios Liederzyklus "Folk Songs". Elf Songs sind viel zu wenig für diese Stimme voller mädchenhafter Natürlichkeit. Insgesamt setzt es eine knappe Stunde Kammermusik vom Feinsten.

Das gewagteste Stück "Sequenza V" stellt Soloposaunist Olaf Ott vor, ein Berio-Solo mit Tönen und Stöhnen. Er finde das witzig, meint mein junger Sitznachbar. Er komme wieder. Ein reiferes Ehepaar diskutiert beim Hinausgehen über das Programm. Sie glaube nicht, dass die "Late Night" gut laufe, meint sie. Er nickt. Kammermusik nach großem Orchester ginge gar nicht, sagt sie. Er nickt. Ob sie wiederkommen, frage ich. Er nickt.