Kunstsache

Mick Jagger, Dracula oder Friedrich der Große

Das Ding - sagt der Duden - ist ein nicht näher bezeichneter Gegenstand. Künstler haben im Allgemeinen ein sehr klares Verhältnis zu den Dingen: Entweder interessieren sie sich brennend für sie, oder sie sind ihnen schnurzpiepegal. Dann malen sie abstrakt.

Verfechter der Ungegenständlichkeit bleiben in dieser Woche außen vor. Stattdessen habe ich mir Ausstellungen angesehen, die vorführen, wie sich in der Kunst in den letzten 50 Jahren die Sicht auf die Dinge geändert hat.

Michael Haas in Charlottenburg zeigt gerade den Maler Konrad Klapheck, einen der größten Ding-Maler überhaupt. Ende der Fünfziger begann Klapheck Alltagsgegenstände wie Schreibmaschinen und Nähmaschinen im übertriebenen Realismus auf die Leinwand zu übertragen, und sie mit Titeln wie "Der Wille zur Macht" oder "Die gekränkte Braut" zu vermenschlichen. Diesen Stil hat er offensichtlich bis in die Neunziger durchgehalten, denn bei Haas sind jetzt einige Werke wie "Der Erfolg und sein Preis" ausgestellt. Dieses Bild von 1993 zeigt eine antiquierte Filmkamera der Marke "Gloria" im Profil. Das Objektiv der Kamera verschwindet im Halbschatten, zudem suggerieren stürzende Diagonallinien rasche Bewegung. Ich musste witzigerweise an Lindsay Lohan denken, die vor lauernden Paparazzi flüchtet. Bei aller Liebe zu den Dingen interessierten Klapheck vor allem die verschiedenen Rollen, die Menschen in der Gesellschaft spielen müssen. (Bis 23. November, Niebuhrstraße 5, Charlottenburg)

Nur eine mittellange S-Bahn-Fahrt später, konnte ich feststellen, wie sich in der Kunst innerhalb weniger Jahren die Dinge radikal verändern können: 1962 malte Andy Warhol seine ersten Campbell's-Suppendose. Und eine identische Büchse, die als schwarze Serigraphie in einer Warhol-Ausstellung der Galerie Upstairs zu sehen ist, macht den radikalen Schritt noch einmal deutlich. Das Bild ist keine Dose. Es ist auch nicht das Bild einer Dose. Es ist eine Ode an die genormte Tomatensuppe, die Heiligsprechung des Massengeschmacks.

Warhol ging es nie um den Einzelnen, es ging ihm um alle. Deshalb ist seine Kunst Pop. Man sieht es glasklar in der Ausstellung bei Upstairs, die Siebdrucke und Papierarbeiten versammelt: Auch in seinen Porträts - ob Mick Jagger, Dracula oder Friedrich der Große - hat sich Warhol bemüht, die größtmögliche Gemeinsamkeit mit seinem Publikum herzustellen. Er malte moderne Ikonen. Wenn Klapheck aus Objekten Menschen gemacht hat, dann zeigte Warhol Menschen, die Objekte waren. (Bis 19. November, Am Kupfergraben 10, Mitte)

Die Neunziger, der Beginn des Internetzeitalters: Es gibt keine Weltstars wie Marilyn Monroe oder Mick Jagger mehr, sondern nur noch Subströmungen und die Links zwischen ihnen. Der geniale und leider viel zu früh verstorbene Maler Michel Majerus hat das abgebildet. Neugerriemschneider zeigen gerade eine Serie von 204 Arbeiten, die im identischen Format von 60 mal 60 Zentimetern nebeneinanderhängen. Aus der bunten Palette der Identitäten kann sich jeder sein Selbstbild zurechtpuzzeln: Es gibt Siebdruckporträts vom DJ Sven Väth und von Ecstasy-Pillen. Es gibt nachgemalte Schädelbilder von Warhol, den Klempner aus Super Mario Bros und den kuhäugigen Cowboy aus Toy Story. Majerus hatte mit seiner Sample-Malerei vielleicht als erster richtig begriffen, dass die Dinge virtuell geworden waren. Dass es nur noch um das Spiel mit Zitaten und Logos ging. Eine braune Leinwand fällt auf. Majerus hat darauf einen Satz geschrieben: "Pop ist Terror." (Bis 3. Dezember, Linienstr. 155, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien