David Garrett

Gegeigt wird mit einem Totenkopf

"Die große Palette Donuts zum Mitnehmen bitte, zwei Bavarian Creme und einen Lemon Frosted extra!" Die Friedrichstraße ist der einzige Ort in Berlin, an dem man sich mal so ein bisschen wie in New York fühlen kann. Die Häuser sind kleiner, aber eben genau so glasig, so metallisch.

Würde die Verkäuferin nicht "der Kaffee, dit sind nochma zwe extra" sagen, und würde die Straße doppelt so breit sein, man wäre fast da. Vielleicht geht es David Garrett auch so, und er hat ein bisschen weniger Heimweh nach Manhattan.

In einem Kulturkaufhaus in Mitte treffen wir den Geiger. In der Klassik-Abteilung ist alles eine Spur langsamer, gediegener als das Gewusel zwischen den Deutschrock-Platten, als der Verkehr vor der Tür. Ein junger Mann mit Locken ist auf der Suche nach einer Aufnahme der Berliner Philharmoniker, "aber was von Karajan". Von oben streichen die zärtlichsten Hörner und Flöten angenehm geruhsam durch die Luft.

Entourage samt Lederstiefel

Dann kommt David Garrett. Bei seinem Auftritt denkt man mehr an Classic Rock als an Klassik: schwere Lederstiefel mit großen Schnallen an den Füßen, die Hose reingesteckt, ein roter, ausgewaschen wirkender Kapuzenpullover, das glänzend aussehende Haar zum Zopf gebunden. Am Ringfinger der rechten Hand trägt er den bekannten Totenkopf, am Zeigefinger einen Siegelring. Er kommt mit einer Entourage, wie man sie von einem echten Star erwartet. Einer zieht den Koffer hinter sich her, ein anderer trägt die Geige, ein Dritter tippt in sein Smartphone, und die Künstlerbetreuerin läuft vorneweg.

Als Sohn eines deutschen Juristen und einer amerikanischen Primaballerina bekommt er mit vier die erste Geige. Neun Jahre später unterschreibt er als jüngster Künstler bei der Deutschen Grammophon. Aus dem Bub aus Aachen wird der Stargeiger, der mit den vielen Echos, mit Nummer-eins-Platzierungen in Deutschland und Amerika. Inzwischen wohnt er, wie könnte es anders sein, in Manhattan. Sein Geheimnis ist, neben dem virtuosen Spiel, so zu tun, als sei er auf dem Boden geblieben. Bei "Wetten, dass..?" scherzt er mit Gottschalk, inszeniert sich uneitel, verzaubert alle mit seinem schneeweißen Lächeln. Trotzdem weiß er ganz genau, in dem Moment, in dieser Sendung ist er der Größte.

Auch bei Dussmann wirkt das. Einige zücken schon die Handys, man sieht ihnen die Aufregung an, mal so von Nahem neben einem zu stehen, der im Fernsehen ist, Millionen an CDs verkauft. Ein Mädchen, 13 wird sie wohl sein, traut sich. "Entschuldigung", beginnt sie, "dürfte ich ein Foto mit Ihnen machen? Sind Sie eigentlich der echte?", rutscht es ihr am Ende unsicher heraus. "Natürlich bin ich der echte", lächelt er und klimpert verschwörerisch mit den Ringen. Das Lächeln kann er richtig gut. Wie auf Knopfdruck wechselt er in den Fotomodus. Die Augen werden dann ganz tief, der rechte Schneidezahn kippt so ein bisschen über die Lippe. Garrett legt den Arm um das Mädchen. Das wirkt so vertraut, so ehrlich, als sei er der große Bruder.

Die Idee mit dem vielleicht bekanntesten Geiger der Welt zusammen durch die Plattenabteilung eines Kulturkaufhauses zu wandeln, klingt theoretisch eigentlich ganz gut. Musik, so denkt man als Erstes, höre ja jeder. Und Musiker, das bringt der Beruf mit sich, haben vielleicht auch ganz andere, tolle Gedanken zu Platten, die man selbst schon 100 Mal gehört hat. Die können einem dann bestimmt erklären, warum "Smells Like Teen Spirit" ein grandioser Song ist, auf einer Ebene, die über das "es rockt halt" hinausgeht.

Jetzt steht er vorm "Hard & Heavy"-Regal, Sparte "S" wie Steel Panther. "Kennst du die?", fragt er, das sei so seine Musik, "eher rockig" eben. Nickelback findet er auch cool, Deep Purple seien in Ordnung, ab und zu auch Def Leppard, Judas Priest, früher sehr gerne auch Limp Bizkit und Marilyn Manson. Aha.

An wen er wohl als Erstes denkt bei "Attraktiv, groß, längere Haare, Genie, Dandy"? "Lemmy von Motörhead", kommt es noch vor dem Ende der Frage. Wirklich? Nicht Liszt oder Paganini? Liszt, gut das stimmt, hat nicht viel für Geige geschrieben. Aber, er war ein großer Bewunderer Paganinis. Beide sind so etwas wie die Archetypen des Rockstars, galten als äußerst attraktiv und meisterlich im Spiel. Liszt soll in Wien bei einem einzigen Konzert drei Flügel mit bloßen Händen kaputt gespielt haben. Klaus Kinski machte Paganini endgültig zum Mythos. Die Komponisten webten, wie so viele ihrer Zeit, Melodien aus Volksweisen in ihre Werke mit ein.

E- und U-Musik vermischt er

Wenn Garrett das macht, also beispielsweise den 3. Satz von Vivaldis "Sommer" aus den "Vier Jahreszeiten" mit Metallicas "Master Of Puppets" zusammenführt, wird er oft dafür belächelt. E- und U-Musik vermischt man schließlich nicht, so die antiquierte Meinung vieler Kritiker. Das sei frevelhaft. Garrett ist da anderer Meinung und sieht sich in der Tradition der ganz Großen. "Bartók, Schostakowitsch, Paganini, die haben auch nach einfachen Melodien gesucht. Ich habe das Gefühl, die Leute, die selber spielen, sind da unkomplizierter. Kollegen wie Itzhak Perlman sind die entspanntesten Menschen, wenn die Qualität und das Geigenspiel gut sind."

Garrett ist Prince Charming. Besonders wenn er den Kritikern gerade eine Breitseite verpasst hat, ist es das Letzte, was man dann in ihm sieht. Er sieht einfach nur verdammt gut aus. Wie er das wohl macht? Eigentlich eine ziemlich dumme Frage. "Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Frag mich, was du willst, und ich geb' dir eine intelligente Antwort?" Wenn das so ist.

"Haare auf den Füßen?"

"Nicht, wenn ich's rasiere."

"Shampoo und Spülung?"

"Lieber separat."

"Shorts oder Slips?"

"Eher Shorts. Die Farbe ist mir total egal. Meistens trag' ich die, die mir meine Mutter zu Weihnachten schenkt."

Garrett ist richtig in Fahrt, freut sich, über belangloses Zeug zu reden. Nach einem Pressetag vielleicht auch ganz angenehm. Die Betreuerin drängt, Garrett müsse ins Hotel. Eigentlich hat er ja eine Zweitwohnung, eine Putzfrau aber nicht. Morgen geht's nach Norwegen, an Aufräumen sei da nicht zu denken. Er übernachtet im "Hotel de Rome". Er sei ja sehr penibel, deswegen die Herbergsübernachtung. Das sei doch verständlich, oder? Das kleinste Zimmer beginnt bei dreihundertirgendwas. "Also, ich muss los", sagt er. "Meine Mutter ist in der Stadt, da darf ich nicht zu spät kommen", lacht er und ist weg.