Geitels Geschichten

Begabung, Fleiß und Zähigkeit

Hätte man Claudio Arrau irgendwann, irgendwo in den Kerker geworfen, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer, er hätte zweifellos begonnen, auf dem Fenstergitter Klavier zu spielen. Er konnte nicht anders. Es war ihm nicht gegeben, die Finger still zu halten.

Er musste sie in Bewegung setzen. Das sah er als seine Pflicht an, und er kam ihr, in welchem Land, auf welchem Kontinent, in welchem Konzertsaal auch immer, unerbittlich ruhelos nach. Er war ein Pianist ohne Bremse. Zu allem Überfluss war er ein großartiger Klavierspieler, und Berlin kannte ihn von Anbeginn an. Der kleine Chilene war der Stadt als Elfjähriger zugereist.

Ich entsinne mich noch seiner Aufführung des Gesamtwerks für Klavier von Johann Sebastian Bach, das im kleinen Meistersaal buchstäblich zwölf Abende verschlang. Danach war kein Zweifel mehr, dass Arrau ein Großmeister werden würde. Und das wurde er auch. Dabei blieb er Berlin bis in den Krieg hinein schier unerschütterlich treu. Er verließ die Stadt, seine Wirkungsstätte und damit Deutschland, sage und schreibe erst 1940, um seine Karriere von Amerika aus zu internationalisieren. Am 25. April dieses Jahres, also kurz vor seinem Entschwinden in die Ferne, trug er sich in mein jungenhaftes Autogrammbuch ein.

Er hatte im Rahmen der "Berliner Kunstwochen" (so hieß das damals) ein Konzert mit seinem Arrau-Trio gegeben. Seit 1925 hatte er bereits am Stern'schen Konservatorium unterrichtet. Auch an internationalen Auszeichnungen hatte es nicht gefehlt. Der 1. Preis beim Genfer Klavierwettbewerb war ihm schon 1927 zugefallen. Die Welt, selbst die Klavierwelt, war noch in Ordnung gewesen. Nun war sie zerfallen.

Arrau hatte den kulturellen Niedergang Deutschlands nach 1933 durchaus gespürt - und gehasst. Er registrierte die allgemeine Kaputtmacherei, die wie ein unaufhaltsames Verhängnis über Deutschland gekommen war. Er konstatierte bitter "auch die Sensibilität verschwinde weitgehend". Danach war für ihn kein Halten mehr. Er musste auf und davon. Und er konnte es auch ohne Mühen, wenn auch nicht ohne Sorgen. Ein paar Mal war er schon in New York aufgetreten, aber ohne nennenswerten Erfolg. Ihn also galt es, zunächst einmal zu erobern. Nicht nur die Ärmel mussten dazu aufgekrempelt werden. Aber das hatte Arrau gewissermaßen von Kindesbeinen an gründlich gelernt. Er war nicht einzig ein Wunder an Begabung, er war auch ein Wunder an Fleiß. Und das blieb er bis ins hohe Alter. Er starb 1991 in Österreich.

Bis dahin freilich hatte ich ihn wieder und wieder gehört und wieder und wieder bewundert, wenn es auch schwierig war, seine Einzigartigkeit zu charakterisieren. Es hatte schließlich inzwischen junge Pianisten gegeben, die durch ihre interpretatorische Neugier Aufsehen zu erregen verstanden hatten. Man muss ja nur an Glenn Gould denken, den Wundermann mit seinen pianistischen Wundertaten, von denen die höchste und gleichzeitig traurigste war, dass er sich schlankweg vom Konzertpodium zurückzog. Auf eine so eine Idee wäre Arrau nie gekommen. Musikmachen auf höchstem Niveau war ihm so etwas wie Bürgerpflicht. Diese innere Haltung zeichnete auch sein Spiel aus. Es wurde zu Arraus Charakteristikum: "Hier spielt ein Mensch sich unermüdlich der eigenen Vervollkommnung entgegen". Und diese Zähigkeit und Glaubensstärke an die Musik und sich selbst hat am Ende Arraus Kunst unvergesslich gemacht.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern