Ausstellung

Der Fotograf der Schwarzen

Das war ein Abenteuer, in jeder Hinsicht. Es gab noch keinen Euro, keine Billigflieger, Handys und die Welt schien um einiges größer. Der Junge ist 19 Jahre alt, nimmt den Dampfer in Hamburg Richtung Kapstadt. Die Erklärung für diese Reise ist simpel, wie das Leben sich eben darstellt in diesem Alter: Jürgen Schadeberg, 1931 in Berlin geboren, will einfach mal raus, den Globus erkunden.

Er kann fotografieren, hat in Berlin eine Lehre gemacht an der Schule für Optik und Phototechnik und erfolgreich ein Praktikum bei der Deutschen Presseagentur absolviert, spricht allerdings kaum Englisch, und denkt, in Afrika gäbe es überall Tiger.

Zu diesem Zeitpunkt weiß der junge Schadeberg noch nicht, wer Nelson Mandela, ja, wer Miriam Makeba war, geschweige denn, dass er beide einmal fotografieren würde für "Drum". Das angesagte Kultmagazin von Schwarzen für Schwarze - als erster Weißer schießt er dort die Fotos. Er ist neugierig, saugt alles auf wie ein Schwamm - ohne Vorurteile. Bald avanciert er zum Cheffotografen und Lehrmeister für andere, seine atmosphärisch dichten Fotos prägen bald das Blatt. "Als ich dort als Fotograf hinkam, haben die sich gefreut, dass sich jemand interessierte. Ich hatte", erzählt er in einem Interview, "keine Probleme. Ich war ,welcome' sozusagen." Zunächst taucht er selbst in das laszive Nachtleben der Townships ein, verblüffend wie nahe er herankam an die schwarze, vitale Künstlerszene, die an das einstige wilde Harlem in New York erinnert. Da wird getanzt und gepafft, dass die Rauchschwaden nur so swingen im dunklen Bildfond. Das Motto des hedonistisch gesinnten "Drum"-Teams lautet da noch: "Schnell leben, jung sterben und als Leiche gut aussehen".

Doch diese Stimmung hält freilich nicht an, Schadeberg fängt an, sich für die politische Situation des Landes zu interessieren. Er berichtet über Sklaverei, die Horror-Zustände in den Gefängnissen, die Obdachlosigkeit unter den Schwarzen - so wird er für die weiße Regierung zur Gefahr, wird wohl auch bespitzelt und einige Male in Verwahrung genommen.

100 000 Bilder im Archiv

Heute lebt Jürgen Schadeberg wieder in Berlin, zu seinem reichen Fundus von rund 100 000 Bildern zählen vor allem zwei Ikonen, die auf unverwechselbare Weise die Geschichte Südafrikas erzählen: der junge ANC-Kämpfer Nelson Mandela 1952 in seinem Anwaltsbüro; Mandela, der erste schwarze Präsident Südafrikas, wie er am Gitterfenster seiner ehemaligen Gefängniszelle auf Robben Island steht und hinausschaut - fotografiert 1994.

Beide Fotos, wie auch jene Porträts südafrikanischer Jazzgrößen, sind in der Ausstellung zu sehen, die das Willy Brandt Haus dem 80-jährigen Berliner mit dem Schwerpunkt Südafrika derzeit ausrichtet. Inzwischen gibt es über Schadebergs Arbeiten mehrere schöne Fotobände, retrospektiv angelegt ist der Band, der bei Hatje Cantz erscheint.

Zu den wirklich eindringlichen Aufnahmen im Brandt-Haus zählt die Reportage von 1993, entstanden auf der Gefängnisinsel Robben Island, Symbol der Unterdrückung. 18 von 27 Jahren saß Mandela dort ein in einer winzigen Zelle von zwei Mal zwei Metern. Schadeberg folgt den Menschen hinter den dunklen, abgeschotteten Mauern, und zwischen den schwarzweißen Schatten scheint es so, als sei er eigentlich auf den Spuren der Gefangenschaft Mandelas hinter den Stäben in Zelle Nr. 5. 1993 kam der deutsche Fotograf und seine Crew im Gästehaus des Gefängnisses unter, musste aber zugeben, dass er nächtens von "bösen Geistern und Albträumen" geplagt war. Heute ist die Anlage ein Museum zur Geschichte Südafrikas.

Die Regierung machte Druck

Schadeberg tauchte also ein in das Leben der Schwarzen und Weißen. Die bittere Armut der Schwarzen konfrontiert er mit dem luxuriösen Leben der Weißen in "ihrem" feinen Stadtviertel Hillbow. Und er fotografiert die Räumung von Sophiatown im Jahr 1955, dem einzigen Ort, wo Schwarze und Weiße noch zusammenlebten. Das "Paris von Johannisburg" passte der Apartheid-Regierung nicht ins Konzept. 2000 Polizisten rückten an, um die Schwarzen zwangsweise umzusiedeln. Bald entstand hier der Stadtteil Triomf ("Triumph") - ausschließlich für Weiße bestimmt. Mitte der 60er Jahre verließ Schadeberg Südafrika - die Sicherheitsbehörden hatten zunehmend seine Arbeit gestört.

Willy Brandt Haus , Stresemannstr. 28, Kreuzberg. Di-So 12-18 Uhr. Bis 15. Januar. Eintritt frei.