Autobiografie

Ben Becker, splitterfasernackt auf dem Baum

Im wohlgedimmten Licht spaziert der bekannteste Anwärter auf den Harald-Juhnke-Thron schick behütet im allerfeinsten Zwirn herein.

Ben Becker, ganz Dandy, gibt große Gesten auf seinem Weg durch das Foyer im Berliner Ensemble. Es ist der Anfang der Woche, er stellt seine Biografie ("Na und, ich tanze", Droemer, 22,99 Euro) vor, swingt sich locker auf die Bühne und legt dort leichtfüßig ein paar Twists hin.

Becker setzt sich an den Sekretär, wo bereits ein Glas Rotwein wartet. Als erstes nimmt der Schauspieler, sich noch die Tanzteufel-Strähnen aus der Stirn streichend, etwas Einmaliges wahr: "Na, das bin ja ich. Toll. Das ist die erste Lesung, wo ich mich auch im Spiegel sehen kann. Das ist ja großartig. Also dann, ehrlich gesagt: Von mir aus können Sie jetzt gehen." Beckers brachiales Lachen über seinen Scherz dröhnt durch den ganzen Raum. "Sie haben ja alle auch gar nichts zu trinken." bemerkt er als Zweites, trinkt genüsslich einen Schluck Wein und fügt diabolisch lächelnd hinzu: "Tja, alles eine Frage der Berufswahl."

Er platziert die Lesebrille oberhalb der Nasenspitze und beginnt über sein "Leben als Collage" zu sinnieren, stirbt symbolisch während seines Prologs als Tod im "Jedermann", mit tief gedrückter Stimme vortragend, dann reißt er das Publikum mit hinein in den Strudel seines wilden Daseins. Die Zuhörer fahren mit dem kleinen Ben und seinem Vater mit "Underberg" im Handschuhfach durch die Gegend, feiern mit Teenie-Ben eine heimliche Punk-Party, bei der Blixa Bargeld von den "Einstürzende Neubauten" zur Verwunderung aller Verkaterten am nächsten Morgen aufgeräumt hat. Becker, berichtet von "LSD am Halensee", wegen dem er im Rausch "splitterfasernackt auf einem Baum saß" und glaubte, ein Waschmaschinenverkäufer zu sein. Eine Depression folgt auf die Demontation einer Bühne durch eine Kettensäge, davor noch ein Beinahe-Bootsunglück und zwischendrin wie er für eine "mal wirklich intelligente Kunstaktion" auf der Straße verkleidet gesungen habe: "I'm not Boris Becker."

Er kommt zu einer Episode, die er nicht richtig ablesen kann: Liebe. Im Berliner Ensemble sitzt jetzt auf einmal ein hochsensibler Mann mit echten Emotionen, Marke "harte Schale, weicher Kern", der über eine einzigartige Frau spricht - so scheint es zumindest. Isabell war eine Rebellin im Camouflageanzug, die Buchstaben von "Love" auf die einzelnen Fingerknöchel tätowiert. Mit einem Strahlen berichtet er, wie sie immer zusammen "Sympathy for the devil" von den Rolling Stones gehört haben - dann ist es Zeit für das große Drama. "Sie kam aus einer Sinti und Roma-Familie und war ein Heimkind.", erklärt Becker, weiter wie Isabell heroinabhängig wurde, erkrankte und ihn immer wieder vor seiner Tür angebettelt habe. Dann der goldene Schuss, ein Brief von ihr an Becker, er solle auf dem Friedhof die Totenrede für sie halten.

Während er das liest, lässt der bekannte Schauspieler seine Stimme entgleiten, schluchzt, die Augen starr, kurz vom Tränensturz. Drei Tage zuvor hatte er bei seiner Lesung in einer Buchhandlung am Kölner Neumarkt exakt an derselben Stelle um die Junkiefreundin geweint. Becker stammelt: "Erste große Liebe. Das war hart, Mann", hebt flugs das Glas in alter Haudegen-Manier zum Prost "auf die Alte." Niemand im Saal kann sagen, ob es die Tränen eines sehr guten Schauspielers waren, die da geflossen sind oder ob nicht doch ein paar Echte dazwischen waren.