Joyce Carol Oates

Auf einmal allein, nach 47 Jahren Ehe

Ein paar Wochen vor seinem Tod haben sie einen Autounfall. Die Airbags öffnen sich mit Wucht, die beiden Insassen tragen Blessuren davon und sind doch wie im Schwindel erleichtert darüber, am Leben zu sein. Joyce Carol Oates betrachtet diesen Unfall später als Menetekel; vielleicht kann eine Schriftstellerin gar nicht anders.

Ihr Mann Raymond Smith macht weiter seine Arbeit als Herausgeber der kleinen Literaturzeitschrift "Ontario Review", die sie 1974 gemeinsam gegründet hatten: Er redigiert im Arbeitszimmer ihres geräumigen Hauses in der Nähe von Princeton, New Jersey, wo Joyce an der Universität unterrichtete; kümmert sich um die Korrespondenz, die Typoskripte und die Finanzen. Joyce Carol Oates ist eine der berühmtesten Dichterinnen der Welt; sie hat 55 Romane geschrieben, zahllose Erzählungen, Gedichte und Essays. Zu Hause ist Raymond, der Redakteur, der dienstbare Geist und die ordnende Hand; Joyce schläft gern lang, während der acht Jahre ältere Ehemann einen Morgenlauf macht, das Frühstück zubereitet und sich um die zwei Katzen kümmert. Es ist ein altertümliches akademisches Idyll.

An einem Sonntag im Februar 2008 ist Raymond sehr früh wach, er wirkt zerstreut, matt und hat Atemnot. Wie die meisten Männer geht Ray ungern zum Arzt, aber für einen 77-Jährigen ist er in tadelloser Verfassung. Nun schlägt er selbst vor, dass sie zur Notaufnahme des Hospitals von Princeton fahren.

Im Krankenhaus wird eine Lungenentzündung diagnostiziert, später eine bakterielle Infektion mit E.coli. Ray hat die nötigsten Sachen in eine kleine Tasche gepackt, er wird auf die Intensivstation gebracht. Joyce besucht ihn jeden Tag, fährt mit dem Auto, bringt ihm die Fahnen der neuen Ausgabe der "Ontario Review" zur Korrektur. Sie hören gemeinsam Mozarts "Requiem", und er sagt, dass sie es bei seiner Beerdigung spielen sollen. Sie liest eine Kulturgeschichte des Boxens. Am Sonntagabend, eine Woche nach Rays Einlieferung, verlässt sie ihren Mann leichten Herzens, es geht ihm besser.

Die Goldene Nichtigkeit

In der Nacht klingelt das Telefon, und der Horror vacui wird Wirklichkeit: "Ihr Mann befindet sich in kritischem Zustand". Die Stimme fragt nach "lebenserhaltenden Maßnahmen". Joyce stimmt zu, agiert panisch, überlegt, was sie anziehen soll, steigt ins Auto, achtet auf die Geschwindigkeitsbeschränkung, obwohl alle Straßen leer sind. Sie kommt zu spät. Als sie den Gang betritt und Krankenschwestern und Ärzte vor dem Zimmer sieht, weiß sie: Ray ist tot. "Herz- und Atemstillstand, Komplikationen nach einer Lungenentzündung." Joyce kennt keinen der Menschen vor Ort. "Bitte packen Sie die Sachen ihres Mannes zusammen und nehmen Sie sie mit." Die Rasierschaumtube fällt herunter, sie hat nur eine Tüte. Eine Schwester am Empfang fühlt sich gestört, sie weiß kein Beerdigungsinstitut und rät der verwirrten Frau, in den Gelben Seiten nachzusehen.

Selbst in dieser Situation arbeitet der Verstand der Schriftstellerin. In dem Moment wird sie zur Witwe, deren Überlegungen sie fortan wie in einem Ratgeberbuch objektivierend und sachlich formuliert. Während sie in dem Zimmer mit ihrem toten Mann steht, denkt sie an die Zeilen einer schottischen Ballade: "Es war einmal ein Schiff/ Befuhr die Meere alle Zeit/ Und unser Schiff, es hieß/ Die Goldne Nichtigkeit." Sie macht sich Vorwürfe, weil sie in der Stunde seines Todes nicht bei Ray gewesen ist, den sie vor 47 Jahren heiratete. Sie fährt wie in Trance nach Hause, kann sich kein Essen zubereiten, kaum gelingt ihr ein Anruf bei der Schwester. Auf dem Anrufbeantworter ist eine knappe Nachricht von Ray vom Nachmittag: Noch einmal nennt er sie "Honey". Joyce weint. Sie wird viel weinen.

Freunde besuchen sie, begleiten sie zu dem Bestattungsunternehmen, an dem Ray und sie stets vorbeigefahren sind, und zu den Ämtern. Eine Katze pinkelt auf eine Kopie der Sterbe-Urkunde. Joyce wirft einen Teil ihrer Kleidung in Müllsäcke, Rays Schrank rührt sie nicht an. In dem Fitness-Studio, das sie beide regelmäßig aufsuchten, sagt sie nichts von dem Tod ihres Mannes und behauptet, sie wollten umziehen. "Wohin?" fragt die Angestellte, Joyce schießen die Tränen in die Augen, sie ruft: "Ich weiß nicht - weg halt!"

Zugleich ahnt sie, dass während des langen Zusammenlebens manche Wahrheit unausgesprochen blieb. "Seit unserem ersten Kennenlernen in Madison war Ray der Verschlossenere und Schweigsamere von uns beiden. Von seiner puritanischen irisch-katholischen Erziehung blieben ihm bestimmte Prägungen über die Jahrzehnte erhalten, auch noch lange nachdem er mit achtzehn aus der Kirche ausgetreten war. (...) Ray hatte eine mir unbekannte Seite, er hielt sie ein bisschen von mir fern. Erschreckend ist, dass ich ihn womöglich gar nicht kannte. In einem entscheidenden Punkt habe ich meinen Mann nie richtig gekannt."

Joyce Carol Oates, die Dozentin für Kreatives Schreiben, möchte unbedingt ihr Seminar abhalten. Die Studenten, so meint sie, wüssten nichts von Rays Tod. Kollegen kondolieren, sie geht zu ihrem Zimmer, und vor der Tür stehen zwei höhere Semester, die ihr Beileid aussprechen wollen. Joyce Carol Oates wird weiterhin zu Empfängen und Lesungen eingeladen. In Cleveland sitzt sie während eines Schneesturms im einsamen Hotelzimmer, abends beantwortet sie aufdringliche Fragen des örtlichen Damenzirkels. E.L. Doctorow lädt zu einem Vortrag nach New York ein. In Florida wird sie geehrt und läuft am Strand entlang - und hat ein schlechtes Gewissen, weil Ray das alles nicht mehr sehen kann. Mit ihrem Freund Edmund White schaut sie im Hotelzimmer einen Dokumentarfilm. Ihr Haus ist zum "Nest" geworden; sie nimmt Sedativa, denkt an Selbstmord. Für William Carlos Williams war der Selbstmörder "der vollkommene Tatmensch". Albert Camus verwirft im "Mythos von Sisyphos" die Selbsttötung. Aber wie können wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen? Und starb nicht Camus einen absurden Tod? Joyce denkt an Sentenzen von Nietzsche, Dante, Hemingway, tröstet sich mit dem Schicksal der isoliert lebenden Emily Dickinson. Sie hortet Tabletten und bleibt am Leben. Um zu erzählen.

Selbstanklage, Überdruss, Larmoyanz

Im Original heißt dieses erschütternde Hybrid aus Tagebuch und Memoiren schlicht und brutal "A Widow's Story". Die Schriftstellerin, die immer wieder für den Nobelpreis nominiert ist, weiß sehr wohl um ihren Rang. Sie, die Bienenfleißige, bringt nun eine kleine Erzählung nicht zu Ende. Noch immer kommen die Päckchen mit Manuskripten für die "Ontario Review", die Mülleimer reichen nicht aus. Seit ihrer Heirat 1961 waren Joyce und Ray kaum je länger als zwei Tage getrennt; sie nahm Einladungen zu Lesungen an, er war Redakteur und Hausvater. Ihr Werk kannte er kaum, und sie war froh darüber. Nun dämmert ihr der grausame Verdacht, dass die lange, innige Zweisamkeit vielleicht nicht die vollkommene Symbiose gewesen war. Diesen sinistren Zweifel verbindet die hellsichtige Schriftstellerin mit einer chirurgischen Betrachtung des eigenen Schmerzes, der eigenen Hinfälligkeit und Lächerlichkeit. Sie erspart sich und dem Leser nicht die intimsten Momente von Selbstanklage, Überdruss und Larmoyanz. Hier kämpft ein Geist von hoher Intelligenz gegen das Erlöschen der bloß vegetativen Existenz.

In einem Kapitel denkt Joyce über den Film "Leaving Las Vegas" nach, den sie gerade zum ersten Mal gesehen hat: Plötzlich versteht sie den Mann, Nicolas Cage, der sich zu Tode trinken will, und die Frau, Elisabeth Shue, die ihn liebt und ihm das Leben retten will. Am Ende bewacht sie seinen Tod: eine Pietà des ewigen Glücks. Aber auch Elisabeth Shue ist von nun an eine Witwe. Joyce Carol Oates aber wollte keine Witwe mehr sein. Ein Jahr nach dem Tod von Raymond Smith heiratete sie einen Neurowissenschaftler.

Joyce Carol Oates Meine Zeit der Trauer. S. Fischer Verlag. 496 Seiten, 24.95 Euro