Friedrich der Großen

Die Liebe des Preußen

Schon den Zeitgenossen schien der Aufstieg Preußens mit einer klassischen Tragödie zu beginnen: Flucht, Gefangennahme, Gericht, Strafe und Läuterung. Damit ist der Kronprinzenprozess vom Oktober 1730 gemeint.

Kronprinz Friedrich, unterstützt von wenigen Eingeweihten und begleitet von seinem Freund Hans Hermann von Katte, wagte die Flucht aus dem drakonischen Regiment seines Vaters, des "Soldatenkönigs"; die beiden Fliehenden wurden bald gestellt; der König erzwang die Todesstrafe für Katte, die im Beisein des Kronprinzen vollstreckt wurde; der unterwarf sich bedingungslos dem Wort des Vaters - und stieg dann zum größten König Preußens auf, machte sein Land zur Großmacht.

Vater und Sohn im Konflikt

Unter dem Titel "Kriegsgericht in Köpenick - Anno 1730: Kronprinz - Katte - Königswort" widmen das Geheime Staatsarchiv und das Kunstgewerbemuseum im Berliner Schloss Köpenick dem Kronprinzenprozess eine Ausstellung und eröffnen so mit einem lauten Knall den Veranstaltungsreigen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum anstehenden Jubiläumsjahr - am 24. Januar 1712 wurde Friedrich der Große geboren.

Am historischen Ort, dort, wohin der Vater die Militärrichter über seinen Sohn und dessen Helfer befohlen hatte (der König verbrachte die Jagdsaison im nahen Schloss Königs Wusterhausen), werden die Ergebnisse einer umfassenden Revision der Quellen präsentiert. Der dazugehörige Katalog resümiert und revidiert eine Forschungsgeschichte, die über 150 Jahre hinweg oft Spiegelbild des Zeitgeistes gewesen ist.

So führen die Katalogautoren Jürgen Kloosterhuis und Lothar Lambacher überzeugend vor, dass die große Quellenedition von Carl Hinrichs von 1936 nicht nur erhebliche Lücken aufweist, sondern auch die Zeit ihrer Entstehung nicht verleugnen kann: Da wird der Konflikt zwischen Vater und Sohn auf den Zusammenstoß zweier Führerpersönlichkeiten reduziert. Seitdem ist kaum eine These unformuliert geblieben: Von spätpubertärer Schwärmerei bis zum homoerotischen Trieb wurden alle möglichen Motive für Friedrichs Flucht ins Feld geführt. Nach dem Urteil dieser Ausstellung sollten es solche Versuche künftig schwerer haben.

Für Kloosterhuis und Lambacher war es ein gereifter politischer Kopf, der 1730 die Konsequenzen aus dem als unerträglich empfundenen und nicht selten bis zur entwürdigenden Handgreiflichkeit gesteigerten Druck des Vaters zog und auf die englische Karte setzte. Danach plädierte die Königin Sophie Dorothea für eine Heiratsverbindung mit der englischen Königsfamilie, während der außenpolitisch unerfahrene König jenen seiner Räte zuneigte, die mit einer kaiserlichen Verwandten das Bündnis mit Wien verstärken wollten. Hinzu kam, dass Friedrich erhebliche Schulden hatte, für Preziosen ebenso wie für mehr als 4000 Bücher größtenteils französischer Autoren. Zur Begleichung hat der Kronprinz sich nicht gescheut, Diamanten aus dem ihm verliehenen polnischen Weiße-Adler-Orden zu brechen.

Zu dieser außenpolitischen und familiären Frontstellung kam noch eine innenpolitische. Friedrich war es gelungen, adelige Offiziere aus den ersten Garderegimentern für seine Sache zu gewinnen. Dass sich damit kein Staat machen ließ, wird Friedrich Wilhelm kaum beruhigt haben. Ihm stand vermutlich eher das Beispiel seines russischen Kollegen Peter I. vor Augen. Dessen Sohn und mutmaßlicher Nachfolger hatte auch die Flucht gewagt, allerdings unterstützt von mächtigen Verbündeten, die in Alexei einen Partner gegen die Reformpolitik des Zaren sahen. Für den Preußen-König erschien die Parteinahme von Gardeoffizieren für die Flucht seines Sohnes daher geradezu als Vorbereitung zu einem Angriff auf sein Lebenswerk.

Das Verfahren ist oft genug beschrieben worden. Ein detaillierter Katalog wurde dem in Küstrin eingekerkerten Kronprinzen vorgelegt bis hin zu der Frage, ob er "durch Brechung seiner Ehre, sein Leben zu behalten, ob er wolle die Sukzession abtreten"? Spätestens da wird Friedrich erkannt haben, dass es um seinen Kopf ging. Auch wusste er sicherlich, dass der Zarewitsch sein Abenteuer 1718 mit dem Tode bezahlt hatte. Intellektuell glänzend und bis an die Grenze der Verstellung gehend, hat Friedrich geantwortet mit den Worten: "Sein Leben wäre ihm so lieb nicht, aber Se. Königl. Maj. würden so sehr ungnädig nicht auf ihn werden."

Obwohl der König ein Urteil nach dem Kriegsrecht verlangte, das bei Hochverrat und Fahnenflucht nur auf Tod lauten konnte, verweigerten sich die Richter: Katte (und der flüchtige Peter Karl Christoph von Keith) wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, denn die Desertion war ja nicht erfolgreich gewesen. Für den Kronprinzen sahen die Richter sich nicht zuständig. Auch nach Abweisung des Urteils durch den König blieben sie dabei. So musste Friedrich Wilhelm das Todesurteil für Katte fällen, das auf Köpfen statt Zerstückeln mit glühenden Zangen gemildert wurde. Der Sohn sollte, unwissend über das eigene Urteil, der Exekution des Freundes beiwohnen. In der Köpenicker Ausstellung kann man nun nicht nur das Schwert bestaunen, mit dem Katte vor dem Fenster Friedrichs getötet worden sein soll. Man findet auch die überzeugende Argumentation, warum das vielbeschworene Bild gar nicht stimmt, sondern der Richtplatz wohl hundert Meter entfernt gelegen hat und vom Fenster Friedrichs gar nicht einzusehen war. Die weitverbreiteten Darstellungen des Dramas sind wohl erst Produkte der späteren Friedrich-Apotheose.

Friedrich unterwarf sich bekanntlich und verinnerlichte in der Folge die Werte, die sein Vater vorzuleben suchte. Kaum, dass jener gestorben war, suchte er das "Rendezvous mit dem Ruhm", eroberte Schlesien und machte Preußen zur fünften Großmacht in Europa. Es ist eine spannende Ausstellung, die da im Südosten Berlins eröffnet wird. Sie lohnt die Reise.

Schloss Köpenick , Schloßinsel 1, Köpenick. Tel. 266 42 42 42. Di-So 10-18 Uhr. Bis 5. Februar 2012. Katalog: 26 Euro.