Interview mit Isabelle Huppert

Die Mutter, das Monster

Extreme Mutterrollen sind ihre Spezialität. In ihrem neuen Film "I'm Not A F**king Princess" spielt Isabelle Huppert nun eine Fotografin, die erotische Kunstfotos von ihrer kleinen Tochter macht. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte: die Regisseurin Eva Ionesco wurde Ende der Siebziger durch Aktfotos ihrer Mutter Irina Ionesco zur umstrittenen Lolita der Pariser Kunstszene.

Mit dem französischen Filmstar hat Thomas Abeltshauser gesprochen.

Berliner Morgenpost: Frau Huppert, die Vergangenheit von Eva Ionesco und ihrer Mutter ist in Frankreich sehr bekannt. Mussten Sie lange überlegen, die Rolle anzunehmen?

Isabelle Huppert: Ich habe gezögert, weil ich Eva vorher nicht kannte, aber ich hatte nie Zweifel an der Geschichte. Bei mir ist das oft intuitiv, dass mir eine Rolle gefällt und ich zusage. Und erst viel später, wenn der Film fertig ist, wird mir wirklich klar, welche Bedeutung die Geschichte hat und welchen Eindruck sie bei den Zuschauern hinterlässt.

Berliner Morgenpost: Wie hat Eva Sie überzeugt?

Isabelle Huppert: Das musste sie gar nicht. Ich lernte Eva Ionesco bei den Dreharbeiten zu Claire Denis' Afrika-Film "White Material" kennen, wo Eva eine Rolle spielte, die am Ende herausgeschnitten wurde. Sie erzählte mir von dem Projekt, das sie schon seit einigen Jahren verfolgte und bot mir die Rolle an. Mir gefiel, wie sie davon sprach, als eine fiktive Geschichte, obwohl ich wusste, dass es ihre eigene war. Und genauso habe ich die Rolle dann gespielt, wie eine frei erfundene Figur. Und ich mochte die Ästhetik, vor allem die Kostüme, die sehr theatralisch und extravagant sind und sehr viel über den Wahnsinn dieser Figur erzählen, aber auch über ihre Freiheit.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist das Äußere, um in eine Rolle zu schlüpfen?

Isabelle Huppert: Kostüme, Haare und Make Up sind für mich essenziell, um eine Figur zum Leben zu erwecken. Im Grunde gibt es nur zwei Kategorien an Frauenfiguren: die mit High Heels und die mit flachen Schuhen. Die Antwort ist immer in den Schuhen. Und Hannah ist natürlich eine Figur mit hochhakigen Schuhen. Die extravaganten Kostüme helfen, den Film aus der Zeit zu heben, ihm etwas Märchenhaftes zu verleihen. Es wird nie erklärt, warum sie all diese Tüll- und Spitzenkleider trägt und in diesem Apartment voller Krimskrams lebt und das lässt es noch merkwürdiger erscheinen, fast wie eine Phantasmagorie.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie sich diese Mutter erklärt, die ihre Tochter für ihren eigenen Ruhm missbraucht?

Isabelle Huppert: Man kann sie als Monster sehen, aber ihr ist nicht klar, dass sie etwas Böses tut. Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen "Zieh dich aus." Und "Putz dir die Zähne." Sie sieht ihre Tochter wie ein Püppchen und das ist das Problem. Sie nimmt ihre Tochter lange nicht als menschliches Wesen wahr, erst als diese rebelliert und nicht mehr fotografiert werden möchte. Mich haben diese Aspekte einer Mutter-Tochter-Beziehung interessiert, diese narzisstischen Projektionen, dass man für sein Kind nur das Beste will und dabei auch immer seine eigenen Sehnsüchte und unerfüllten Träume verwirklicht.

Berliner Morgenpost: Ihre Tochter ist ebenfalls Schauspielerin geworden und Sie standen mit ihr letztes Jahr in dem Film "Copacabana" sogar als Mutter und Tochter vor der Kamera. Haben Sie sie in ihrem Wunsch unterstützt?

Isabelle Huppert: Ich habe sie nicht direkt oder in Worten dazu ermuntert, aber was man als Eltern seinen Kindern so mitgibt, passiert ja manchmal sehr unbewusst. Als wir "Copacabana" drehten, war es anfangs etwas komisch. Wir mussten dauernd kichern und waren sehr unprofessionell. Aber nach ein paar Stunden waren wir einfach nur Schauspielerinnen und seriös.

Berliner Morgenpost: Haben Sie mit Eva Ionesco über deren Mutter gesprochen?

Isabelle Huppert: Nein. Mir war klar, dass es eine unsichtbare Grenze gab, die ich nicht übertreten sollte und das habe ich respektiert. Der Film handelte von ihrer Mutter, aber wir hatten eine unausgesprochene Vereinbarung, dass sie nicht darüber redet und ich nicht frage. Das war die Vertrauensbasis unserer Zusammenarbeit. Am Ende sagte sie mir, dass sie überrascht ist, wie ähnlich ich ihrer Mutter wirklich wurde.

Berliner Morgenpost: Es gibt in Ihrer langen Karriere im Grunde keine einzige gewöhnliche Frauenfigur.

Isabelle Huppert: Nichts ist normal, nicht einmal die Normalität ist normal für mich. Es stimmt, ich spiele komplexe Figuren und manchmal wünschte ich, jemand Nettes zu spielen. Aber wissen Sie was? Die Leute denken immer, es sei so schwierig, einen vielschichtigen Charakter zu spielen, dabei kann man im Namen der Komplexität viel freier und unberechenbarer sein. Eine romantische Heldin oder eine liebevolle Figur, die sich für etwas aufopfert, sind viel schwieriger, weil man sich nicht hinter Mehrdeutigkeiten verstecken kann und eine einzige Emotion bis zum Anschlag spielen muss.

Berliner Morgenpost: Mit Michael Haneke haben Sie "Die Klavierspielerin" gedreht. Demnächst sind Sie in seinem neuen Film "Amour" zu sehen.

Isabelle Huppert: In letzter Zeit spiele ich dauernd Mütter, aber hier bin ich die Tochter. Er sieht mich offenbar gern als Tochter, wie schon in "Die Klavierspielerin". Es wird ein großartiger Film, typisch Haneke, aber jedes Mal dringt er in tiefere Schichten. Für mich als Schauspielerin ist das manchmal beängstigend, aber auch sehr erfüllend.