Gabriele Baring

Don't mention the war - warum die Deutschen ängstlich sind

Neben den neuen Sehnsuchtskalendern hat sich eine lange Schlange gebildet. Ältere Damen in bunten Jacken blättern darin.

Beim Anstehen zu einem Gespräch von Gabriele Baring und Frank Plasberg zu Barings Buch "Die geheimen Ängste der Deutschen" träumt man sich gern an sorgenfreie Orte zwischen Schlösser, Lavendel-Felder und irische Steilküsten. "Das ist doch was für Trottel hier", ruft einer. Der weißhaarige Herr ist offensichtlich kein Fan von Gabriele Baring, sonst würde er nicht so laut auf die zwei Sicherheitsmänner einschreien. Die tun das, was man von ihnen erwartet: Groß sein, ein bisschen grimmig gucken. Sie bitten ihn nach draußen. Beim Schreien sammelt sich weißer Geifer in den Mundwinkeln des Nicht-Fans. Die Plätze der Kulturbühne an der Sphinx im Keller von Dussmann sind rasch gefüllt. Noch mal aufs Klo, den Anorak sicherheitshalber über dem Stuhl legen, wie im Urlaub.

Nach einer Vorstellung durch den Verleger ("das wichtigste Buch, dass ich je verlegt habe") und er habe schon sehr viele verlegt, betreten der Moderator und die Autorin die Bühne, beide herbstlich in Braun und Beige. Er in Cord, sie mit keckem Schal und einem Teint wie ihn viele Damen um die fünfzig haben, die Golf und Country-Gardening lieben. Baring, Jahrgang 1954, Frau des Historikers Arnulf Baring, wollte Psychologin werden. Der Vater trieb's ihr aus. Diplomierte Volkswirtin war das Ergebnis, später dann die Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. Seitdem macht sie am liebsten Familienaufstellungen. Das ist eine Art Rollenspiel mit Fremden, um ein Problem zu lösen. Man lässt die Fremden Rollen aus der eigenen Familie einnehmen. Der da drüben ist der Vater, das die Mutter, die da hinten die Schwester. Schlagartig erkennt man, warum man Bindungsängste hat, depressiv ist oder nicht schlafen kann, auch Krebs ist psychosomatisch. Das klingt verführerisch und ein bisschen nach Jahrmarkt.

Baring beginnt zu lesen, sie fängt mit der Einleitung an. Dazu setzt sie eine Brille mit schwarzem Rand auf, so eine, wie die von Sarrazin, nur etwas dicker. Auf dem roten Buch-Cover steht ihr Name in weißer Schrift, der Titel in schwarzer. Auch wie bei Sarrazin und auch etwas dicker. Bei ihr haben die Deutschen Angst, bei ihm schaffen sie sich ab. Plasberg überschlägt die Beine, hält die Hände wie zum Gebet. Die Deutschen hätten grundsätzlich Angst, erklärt die Autorin, sie neigten zum Zweifeln und Zaudern, seien oft depressiv. Und, so Barings Erkenntnis aus ihrer Arbeit als Therapeutin, die eigentlich Heilpraktikerin ist, das läge am Krieg, am Zweiten Weltkrieg besonders, aber auch am Ersten. Dass die Menschen außerhalb Deutschlands auch Schlimmes erlebt haben, lässt sie weg.

Die Banden der Familie

Nicht aufgearbeitete Traumata der Vor-vor-Generationen hätten Einfluss auf das Hier und Jetzt. Vergewaltigungen, Verletzungen, alle erfahrenen Gräuel der Kriege würden weitervererbt. Wenn der Vater die Tochter misshandelt, liege es auch an der Mutter, die so die nicht erfüllte Sexualität des Mannes auf das Kind übertrüge. Sie gibt das weiter, was sie nicht erfüllen kann, sie schaut nicht weg, wie so oft gesagt werde, sie trägt dazu bei. Steile These, die so nach Verallgemeinerung klingt, wie der Buchtitel. Die Banden der Familie hüten das Schreckliche. Die Angst bleibt innen, sie bleibt geheim.

Plasberg scheint aufgewacht: "Das klingt aber so, als würde man jegliche Selbstverantwortung aufgeben", beendet er den Satz mit einem Fragezeichen. "Nein", das sei so nicht richtig, entgegnet Baring, "aber wir seien unfreier, als manche uns glauben machen". Das ist die Überleitung zu ihrem Kapitel zu KTG, der einstigen Lichtgestalt, der dann doch nur abgeschrieben hatte. Zu Guttenberg sei an seinem Familienauftrag gescheitert. Dem Auftrag zu Ruhm und Glanz. Ein Name, so groß und mächtig, erziehe nicht zu Fleiß. KTG sei gar nicht so direkt dran schuld, er habe einfach Angst gehabt zu Scheitern, weniger zu sein als sein Name. Der Moderator steht auf. Er müsse zum Flughafen Tegel. Seiner Familie habe Plasberg versprochen am Abend zu Hause zu sein. Er hat Angst den Flieger zu verpassen.