Greg Graffin

"Singen ist ein bisschen wie ein Seminar geben"

Unter den Universitätsdozenten ist Greg Graffin wohl der einzige, der seit 30 Jahren Frontsänger einer Punkband ist. Und unter den Punkmusikern ist Graffin bestimmt der einzige, der einen Doktortitel und einen Lehrauftrag für Evolutionsbiologie hat.

Erfolgreich ist der 46-Jährige bei allem, was er tut: Mit ihrem 15. Studioalbum "The Dissent Of Man" beendeten "Bad Religion" gerade ihre Welttournee. Die nächsten drei Monate unterrichtet Graffin an der Uni. Nun erscheint sein Buch "Anarchie und Evolution. Glaube und Wissenschaft in einer Welt ohne Gott". Eva Lindner hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Was haben Punkmusik und Evolutionswissenschaft gemeinsam?

Greg Graffin: Ich denke, die Gemeinsamkeit ist die Anarchie. In der Evolution würde ich Anarchie als Analogie für 'Keine Gesetze haben' nutzen. Auch wenn Wissenschaft wie ein Gesetz ist, gibt es Teile der Evolution, die vom Zufall abhängen. Und genauso ist es in der Musik oder der Kunst: Wenn man etwas Schönes produzieren will, muss man auch bestimmten Schritten folgen und bestimmte Gesetze achten. Aber die wirklichen Innovationen kommen in unvorhersehbaren Momenten und Wegen.

Berliner Morgenpost: Sehen Sie sich selbst eher als Musiker oder als Wissenschaftler?

Greg Graffin: Das ist eine schwierige Frage. Ich empfinde große Freude und Befriedigung, beides zu tun. Bei beidem teile ich meine Ideen mit der Öffentlichkeit, die hoffentlich offen dafür ist und bereit, herausgefordert zu werden. Singen fühlt sich ein bisschen an, wie ein Seminar zu geben. Mit beidem will ich zum Nachdenken anregen und unterhalten.

Berliner Morgenpost: Ist es einfacher die Leute im Stadion oder im Seminarraum zu begeistern?

Greg Graffin: Das Konzert ist eher ein Adrenalinrausch. Aber manchmal spricht man in einem Gespräch oder bei einer Vorlesung über Ideen, über die man noch nie nachgedacht hat. Das kann ähnlich aufregend sein.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie sich zwischen Wissenschaft und Musik entscheiden müssten, was würden Sie wählen?

Greg Graffin: Tun sie mir das nicht an! Das wäre als müsste ich mich für eines meiner Kinder entscheiden. Das geht nicht.

Berliner Morgenpost: Ursprünglich sollte der Titel des Buches 'War Darwin ein Punk?' lauten. Und, war er einer?

Greg Graffin: Darwin hätte sich wohl keinen Irokesenschnitt gemacht, er war nämlich eher ein unauffälliger Typ. (lacht) Aber was ich meine ist, genauso wie Darwin die Ansichten seiner Zeit angezweifelt hat, hat meine Generation der Punkrocker es sich zum Ziel gesetzt, konventionelle Popmusik zu hinterfragen. Niemand hätte damals eine Punkband bei einem etablierten Konzert spielen lassen. Punk galt nicht als Musik. Genauso wenig wurde Darwin mit seiner Theorie, dass die Menschen den Tieren artverwandt sind, ernst genommen. Er hatte es auch sehr schwer, Leute zu überzeugen.

Berliner Morgenpost: Kürzlich war der Papst zu Gast in Berlin. Was würden Sie, als Atheist, ihm sagen, wenn Sie ihn treffen könnten?

Greg Graffin: Witzig, dass Sie das fragen. Ich habe vor ein paar Monaten auf einem Wissenschaftsforum in Washington D.C. immerhin den wissenschaftlichen Berater des Papstes getroffen. Wir haben in allen Punkten übereingestimmt, außer in einem: Das Leben nach dem Tod. Der Papst meint, wir gehen alle in eine Art Paradies. Ich bin Naturalist und denke, wir haben nur das Hier und Jetzt. Kindern beizubringen, dass das wahre Leben erst beginnt, wenn sie tot sind, finde ich schrecklich. Es gibt auch zuviel Freiheit, den Planeten und Mitmenschen in diesem Leben schlecht zu behandeln. Aber ich glaube nicht, dass ich den Papst jemals überzeugen kann. (lacht)

Berliner Morgenpost: Sie haben zwei Kinder. Haben Sie mit ihnen Weihnachten und Ostern gefeiert, trotzdem Sie selbst nicht religiös sind?

Greg Graffin: Oh ja. Klar.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie ihnen erzählt, welche Bedeutung diese Tage haben?

Greg Graffin: Ich habe ihnen gesagt, an diesen Tagen bekommt ihr ganz viele tolle Geschenke und Mama kocht etwas ganz Besonderes. (lacht) Als sie älter waren, haben sie verstanden, dass es besondere Tage sind, an denen Menschen zusammen kommen und ihr Leben und ihre Beziehungen zueinander feiern. Ich bin froh, dass Jesus geboren ist, er hat mir jede Menge gute Ideen für Songs gegeben. Er war ein Star seiner Zeit. Aber dass er übers Wasser gelaufen ist oder Wasser in Wein verwandelt hat, das glaube ich nicht.

Berliner Morgenpost: Sind gläubige Menschen ignorant?

Greg Graffin: Nein. Ich bin nicht daran interessiert, Menschen für ihren Blick auf die Welt zu kritisieren. Ich glaube aber, dass sie sich nicht den wirklich schweren Fragen im Leben stellen: Wo gehe ich hin? Was mache ich hier überhaupt? Konsumiere ich nur, oder kann ich meinen Nachfahren auch etwas hinterlassen? Was passiert, wenn ich sterbe? Ich glaube solche Leute muss man ein bisschen provozieren, sie schütteln und ihnen diese Fragen stellen.

Berliner Morgenpost: Als Sie Bad Religion 1980 gegründet haben, hat das Logo der Band, ein durchgestrichenes christliches Kreuz, schockiert.

Greg Graffin: Das Logo ist wirklich stark, aber wir wollten niemanden vor den Kopf stoßen. Wenn Sie nach draußen schauen, sehen Sie viele durchgestrichene Zeichen, zum Beispiel ,Hier darfst du nicht parken'. Unseres sollte einfach heißen, bei uns findest du keine Religion.

Berliner Morgenpost: Heute hat man manchmal das Gefühl, man kann die Leute mit nichts mehr schocken. Muss sich der Punk neu erfinden?

Greg Graffin: Wir hatten nie ein Problem damit, relevant zu bleiben. Wir haben immer tiefgründige Texte mit gutem Rhythmus verbunden. Wenn man daran festhält und sich keinem Trend unterwirft, kann man ewig erfolgreich bleiben.

Berliner Morgenpost: Was will Punkmusik heute kritisieren?

Greg Graffin: Punk muss nicht provokativ sein, er kann auch einfach Freude ausdrücken. Unser Thema war schon immer die Religion und die bleibt immer relevant. Es gibt immer neue gläubige Generationen, die herausgefordert werden müssen.

Berliner Morgenpost: Die Kirchen allerdings zählen immer weniger Mitglieder.

Greg Graffin: Das hat damit zu tun, dass die Leute fauler werden. Nur weil die Menschen nicht in die Kirche gehen, heißt das nicht, dass sie nicht religiös sind. Die Leute gehen heute einfach lieber ins Einkaufszentrum als in die Kirche. Wenn man ihnen die Kreditkarten wegnimmt, dann gehen sie vielleicht auch wieder in die Messe. (lacht)