Nordwind-Festival

Acht, vielleicht neun Stunden: Ibsens "Borkman" im Prater

So ein Ibsen kann ganz schön lang sein: Aber was das Trio Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen mit den Stücken des norwegischen Dramatikers anstellt, ist ebenso legendär wie berüchtigt: Bei einem Festival in Bergen verließen einige Zuschauer den Saal bei "Nora", nachdem die Aufführung nach einigen Stunden immer noch nicht über den ersten Akt hinausgekommen war.

Über 20 Stunden flatterte dann "Die Wildente", der dritte Teil der Ibsen-Saga, in Oslo über die Bühne. In Berlin schenkten Vinge, Müller und Reinholdtsen dem Federvieh noch etwas mehr Lebenszeit, die Marathon-Inszenierung lief im Prater der Volksbühne zwei Wochen lang hinter verschlossenen Türen und konnte von interessierten Kastanienallee-Flaneuren durch eine Scheibe beobachtet werden.

Jetzt kehren die drei Ibsen-Spezialisten an den Prater zurück und präsentieren im Rahmen des Festivals "Nordwind" mit "John Gabriel Borkman" den 4. Teil der Saga. Die soll etwas kürzer ausfallen, derzeit geht Festivalleiterin Ricarda Ciontos von "acht bis neun Stunden aus". So genau weiß man das aber nicht, weil erstens die Premiere erst am kommenden Donnerstag ist (also viel Zeit zum Proben bleibt) und zweitens die Länge eines Abends immer auch von "der Disposition, der Spielfreude und dem Spielwillen des Ensemble abhängt". Auch beim "Borkman" soll kein Abend dem anderen gleichen, weil sich die Akteure jeweils schwerpunktmäßig mit anderen Seiten des Dramas intensivst beschäftigen - aber das Ganze nicht aus den Augen verlieren. Ein ganz neuer Aspekt von Text- und Werktreue. (Premiere im Prater am 27.10., 19 Uhr, Karten unter Tel. 24 06 57 77).

Auf dem spartenübergreifenden Programm des vierten Nordwind-Festivals stehen in diesem Jahr 40 Veranstaltungen - darunter auch die "Borkman"-Aufführungen 9 bis 12, denn das Festival startet erst vier Wochen nach der Premiere. Vom 25. November bis 16. Dezember werde die "einmalige und vitale Kultur- und Kunstszene des Nordens" von über 100 Künstlern aus Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Island und Estland dargestellt, betonte die künstlerische Leiterin Ricarda Ciontos. Und nicht alle Aufführungen dauern so lange wie der "Borkman".