Literatur

Na endlich: Julian Barnes bekommt den Booker-Preis

Es ging mal wieder sehr britisch zu beim berühmtesten britischen Literaturpreis, dem Booker.

Am Anfang stand die wunderliche Entscheidung, eine Ex-Direktorin des MI5 zur Jury-Vorsitzenden zu küren (Stella Rimington schreibt jetzt Thriller und gilt als Vorbild der Geheimdienstchefin "M" in den neueren Filmen um James Bond); am Ende standen bei den Buchmachern miese Quoten: Sechs für vier kriegte, wer auf den haushohen Favoriten gesetzt hatte - auf den bereits zum vierten Mal nominierten Julian Barnes (65), der den mit 50 000 Pfund dotierten Preis am Dienstagabend prompt bekam.

Ein verdienter Sieg, wie alle Leser von Barnes' dichtem Generationenroman "The Sense of an Ending" (der im Dezember bei Kiepenheuer & Witsch erscheint) meinen - und eine überfällige Entscheidung dazu: Barnes begeistert seine Leser seit Jahren, mit einfühlsamen Romanen wie "Liebe usw." ebenso wie mit der feinen Ironie, die Bücher wie "Flauberts Papagei" oder den Sherlock Holmes-Roman "Arthur & George" auszeichnet.

Zugleich aber ist Barnes' Triumph auch etwas glanzlos, hatte die Booker-Jury doch zuvor alle würdigen Gegner ausgesiebt: Weder Philip Hensher noch Anne Enright und nicht einmal Alan Hollinghurst hatten es mit ihren neuen, teils hochgelobten Romanen auf die Shortlist geschafft.

Stattdessen fanden sich dort eher unbekannte Namen und populäre Stoffe: ein Russland-Krimi, eine mäßig besprochene "afro-deutsche Geschichte" aus Nazi-Berlin oder eine Migrationsdrama aus London ("Pigeon English" von Stephen Kelman), das, schon ins Deutsche übersetzt, hierzulande nicht für Aufregung sorgte.

Umso aufregender dafür die Debatte, die diesen Booker begleitet hat. Spätestens nämlich als die Jury-Vorsitzende Rimington die "Lesbarkeit" zum Auswahlkriterium erhob, sprang die Kritik auf ihre Apfelsinenkiste in Speakers' Corner. Vier der fünf Booker-Juroren seien Thriller-Autoren, zählte ein Empörter nach - entsprechend trivial sei ihre Auswahl. Ein angesäuerter Verleger nannte den Booker einen "Trümmerhaufen", ein einflussreicher Agent (Literatur, nicht Geheimdienst) wollte gar einen Gegenpreis ins Leben rufen, und ein Journalist des "Guardian" schrieb: "Alle Literaturpreise sind absurd; jeder weiß das."

Absurd, mag sein, aber auch auf krude Art folgerichtig. Schließlich war es der bereits 1969 ins Leben gerufene Booker, der die Institution Literaturpreis für das Medienzeitalter rüsten wollte und deshalb die Dramatisierung der Preisvergabe mit Longlist, Shortlist und finalem Event erfand: Statt der großen Literatur im Stillen Lorbeerkränze zu winden, soll der Booker (wie mittlerweile auch der Deutsche Buchpreis) Großes für die Literatur bewirken: gesellschaftlich Quote machen und Kasse im Buchhandel. Dass er unter solchem Druck zusehends billiger zu haben ist: kein Wunder. Das Wunder ist eher, dass am Ende immer noch einer wie Julian Barnes gewinnt.