Stephan Kimmig

Kuscheln und Schreien

Heftige Knutschereien, böse von unten funkelnde Blicke, überfallartiges Haare-in-den-Nacken-Reißen. In Stephan Kimmigs Inszenierung von Eugene O'Neills Familientragödie "Trauer muss Elektra tragen" am Deutschen Theater kochen die Emotionen recht schnell über.

Für das 1931 am Broadway uraufgeführte Stück bildet Aischylos' "Orestie" die überdeutliche Folie; freilich kehrt der Familienvater und General Ezra Mannon hier nicht, wie Agamemnon, aus dem zehnjährigen Krieg um Troja heim, sondern aus dem amerikanischen Bürgerkrieg von 1861-65.

Zuhause warten seine Frau Christine, die bei einem anderen die Liebe gefunden hat, die sie in ihrer Ehe immer vermisste, und seine Tochter Lavinia, die ihren Vater vergöttert, dem Ehebruch der Mutter auf die Schliche gekommen ist und deren Lover Adam selbst begehrt - beide sind unschwer als Wiedergängerinnen der Klytaimnestra und Elektra zu erkennen. Der Lover wiederum, Sohn einer ehemaligen Dienstmagd im Hause Mannon, hat mit der Familie sein eigenes Hühnchen zu rupfen und die Liason mindestens teilweise aus Rachezwecken eingefädelt. Eifersüchtig auf ihn ist nicht nur der zurückgekehrte und alsbald von seiner Frau vergiftete Hausherr, sondern auch Sohn Orin, der in schwer ödipaler Symbiose seiner Mutter anhängt und außerdem ein handfestes Soldaten-Trauma mit sich herumträgt. Unter Anstachelung seiner Schwester tötet er den Geliebten der Mutter, diese nimmt sich das Leben, und Orin wird fortan von seinem schlechten Gewissen verfolgt wie einst Orestes von den Erinnyen - mit ebenfalls selbstmörderischem Ende.

Antike Bezüge plus Freud

O'Neills langes Stück, wie die "Orestie" eine Trilogie, hat denkbar schwer an seinen antiken Bezügen und der Überfrachtung durch Freud'sche Psychoanalyse zu schleppen. Regisseur Kimmig und seine Dramaturgin Sonja Anders dampfen die 200 Buchseiten im Deutschen Theater auf pausenlose zwei Stunden ein. Doch im Effekt wirkt das auf Katja Haß' bunkerartiger Containerbühne nicht etwa sinnig verdichtet und aufs Wesentliche konzentriert, sondern wie krampfhaft zusammengepresst - so dass es vor Emotionen und drastischen Momenten nur so spritzt. Ein Gefühlsausbruch jagt den nächsten. Die Schauspieler, deren Kostüme (entworfen von Anja Rabes) zwischen legerer Heutigkeit und stilisiertem 19. Jahrhundert schwanken, jazzen sich urplötzlich von 0 auf 100 hoch. Zwischen den Aufwallungen bleibt ihnen kaum Luft zum Atmen, geschweige denn die Zeit dazu, ihre Figuren nachvollziehbar zu entwickeln. Zwischen den Blacks, die die kurzen Szenen trennen, und dem live geloopten Gitarrensound von Ingo Schröder sehen wir: Gefühle im Zeitraffer - als durchhetzten die Spieler Landschaften gequälter Seelen, könnten davon aber nur Schnappschüsse über die Rampe ans Publikum schicken.

So bleibt vieles behauptet, wirken die Gesten und Betonungen gewollt originell. Orins Verlobte Hazel (DT-Neuzugang Natalia Belitski) verspricht, sich zu beeilen, und entfernt sich dann betont langsam. Maren Eggerts Lavinia trägt ihren schwarzen Reifrock umher, als habe sie darunter den gesamten Familienfluch zu bergen. Einiges wird unnötig illustrativ verdoppelt: Friederike Kammers Christine kratzt mit den Nägeln über die Wände und spricht dann auch noch aus, was wir längst gesehen haben: dass sie nervös ist. Manch interessante Lesart, manch spannender Moment - und die gibt es durchaus - ersäuft in der Überdeutlichkeit, mit der alles ausgespielt wird: Dass alle Mannons unter chronischem Liebesentzug leiden, wird fast penetrant durch ein dauerndes Kuschel- und Anschmiegspiel hervorgekehrt - zu dem die ebenso heftigen Abstoßbewegungen den effektvollen Kontrapart bilden. Immer wieder kommen die Schauspieler zu symbolträchtigen Tableaus zusammen: Lavinia hält ihren begehrten Adam (Bernd Moss) von hinten im Arm und drängt ihre Hand zwischen seinen und der Mutter Mund, während sich Alexander Khuon als Orin ebenfalls dazuschmiegt und Adam zum Mord die Nase zudrückt. Das alles suggeriert Bedeutungsschwere und wirkt emotional doch meist leer und handwerklich ausgedacht.

Entsprechend hat man als Zuschauer kaum die Chance, emotional einzusteigen, berührt zu sein, mitzufühlen. Ausgerechnet Kimmig, der mit "Maria Stuart" oder dem gepriesenen Bürgerbespiegelungsabend "Kinder der Sonne" - beide im DT-Programm - regelrechte Meisterwerke der psychologischen Subtilität schuf, lässt seine Schauspieler diesmal in grobschlächtiges Emo-Aufpeitsch-Gemache verfallen. Alles, worauf sein Theater eigentlich zielt - Intensität, Glaubwürdigkeit, schauspielerische Wahrheit - will sich an diesem Abend einfach nicht einstellen.

Kaputt durch den Krieg

Khuon gelingt noch die dringlichste Schilderung. Kann er doch fast als einziger spürbar machen, was Anlass und aktueller Anknüpfungspunkt dieser Inszenierung gewesen sein mag: das Drama des Kriegsheimkehrers. Des Soldaten, der vom Vater zum Heldentum gezwungen und abgehärtet wird. Des sensiblen Jungen, der abstumpft, bis er dem Tod gleichgültig gegenübersteht. Dankenswerter Weise verzichtet die Inszenierung auf explizite Andeutungen auf Afghanistan oder Irak. Khuon zeigt allgemeinmenschliche Kriegskaputtheit. Er reißt sich die Verlobte mit draufgängerischer Rücksichtslosigkeit zum Kuss auf den Rollstuhlschoß, knutscht ebenso hemmungslos die Mutter wie die Schwester, heult und lacht die eigenen Schmerzen immer wieder weg. Für ihn hört der Krieg an der heimischen Türschwelle nicht auf, sondern tobt weiter, in seinem Kopf, der nicht vergessen kann, und innerhalb seiner Familie, die sich mit psychischer wie physischer Gewalt gegenseitig wegmetzelt. Bis nur noch Lavinia als einsame, irr werdende Elektra übrig bleibt. Als Zuschauer hat man sie zu diesem Zeitpunkt allerdings schon längst verlassen.

Deutsches Theater , Schumannstraße 13a, Mitte. Tel. 28 44 12 25. Termine: 22. Oktober: 8., 11., 17., 30. November um 20 Uhr; 27. Oktober um 20.30 Uhr.