Andreas Altmann

Wie schreibe ich einen Bestseller?

Wer ein erfolgreiches Sachbuch schreiben möchte, der sollte die alte Journalistenregel beherzigen: Sag Deine Geschichte in einem Satz. Michael Winterhoff hat es getan mit "Lasst Kinder wieder Kinder sein", Martin Wehrle auch mit "Ich arbeite in einem Irrenhaus: Vom ganz normalen Büroalltag", selbst Joachim Fuchsberger mit "Altwerden ist nichts für Feiglinge"

Über diese Tendenz macht sich der Kulturbetrieb naturgemäß lustig. In einem Wettbewerb werden die wunderlichsten Buchtitel des Jahres gekürt. "Putzen!?: Von der lästigen Notwendigkeit zu einer Liebeserklärung an die Gegenwart" zog im Rennen um den Titel gegen echte Pferdestärken in den Kampf. "Geritten werden: So erlebt es das Pferd" erklärt Ulrike Thiel bei Cosmos, gewonnen hat aber, und das ganz zu Recht, auf der Buchmesse Angela Troni mit dem jungen Klassiker "Frauen verstehen in 60 Minuten".

Andreas Altmann hat auch so ein Ein-Satz-Buch geschrieben, "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" heißt es und steht mit dem Titel beharrlich auf den vorderen Rängen bei Amazon. Sein Werk ist außen Krawall und innen Betroffenheitsfall. Mit der schweren Thematik einer zerstörten Kindheit nimmt Altmann die Herzen "deutscher Muttis" - wie er bei seiner Lesung in der "Backfabrik" im Prenzlauer Berg bemerkt - im Sturm. Die derbe Bilanzierung mit dem Verkaufsargument "Scheiße" im Titel rührt paradoxerweise gerade die feinfühligen Frauen zu Tränen. "Sie schreiben mir massenweise Mails," sagt der Reisejournalist, "worin sie mich, nach all dem, was ich erlebt habe, am liebsten ganz fest in den Arm nehmen und trösten wollen." Altmann schüttelt sich ein bisschen, während er die Mitleidsbekundungen rezitiert und appelliert sogleich an alle sensiblen Seelchen: "Warum macht ihr da so ein Drama draus? Ich bin doch einer, der davongekommen ist!" Es ist dem Schriftsteller sichtlich unangenehm, dass er mit seinem neuen Buch gerade auf die Muttitränendrüse gedrückt hat. Eigentlich hätte ihm das aber klar sein müssen, hat er doch einen Elternexorzismus im Scheißgewand geschrieben. Er ist ein ungewolltes Kind, das einen Erstickungsversuch durch die Mutter nach der Geburt überlebt und die Schläge des Vaters erdulden muss. Altmanns Hände umklammern das Buch, seine Geschichte, während er liest, wie sein Vater, der "Kriegszombie", wieder zur "alten SS-Maschine" wird und den Bruder so lange würgt, dass er ihm das Essen ins Gesicht speit. Stille breitet sich aus, wenn er die drastischen Misshandlungsszenen durch das Familienoberhaupt schildert. An dieser Stelle wird klar, dass Altmann auch einen weiteren Nerv der Zeit getroffen hat: Elternaustreibungen sind im Trend. Nach Josef Bierbichlers "Mittelreich" und Oskar Roehlers "Herkunft" wird nun die dritte Kindesstimme laut, die Vater, Mutter und altes Nazigedankentum wütend anklagt. Thomas Bernhard schreibt in "Auslöschung. Ein Zerfall" passend dazu "Mein Bericht ist nur dazu da, das in ihm Beschriebene auszulöschen."

In die Backfabrik ist Altmann mit verschrobener Schiebermütze und dick gefütterter schwarzer Lederjacke gekommen. Er muss im Scheinwerferlicht dafür schwitzen, dass er wie ein Flieger, ein Globetrotter, eben wie der Davongekommene aussieht. Am Ende der Lesung erklärt er, warum der Titel genau der Richtige ist: "Das Scheißige ist eben ein bisschen flapsig, um den Leser zu verführen. So. Und dann hat er es eh schon gekauft, dann merkt er es nicht mehr."