Horrorfilm: "Die Haut, in der ich wohne"

Die Frau, die ich mir erträume

Was Obsessionen und Fetische im Kino anbelangt, schien Alfred Hitchcock bislang unübertroffen. In seinem Klassiker "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" ließ er 1957 seinen Lieblingsschauspieler James Stewart eine arme, einfache Frau, Kim Novak, ganz nach dem Aussehen seiner großen, unerfüllten, verstorbenen Liebe formen.

Er kleidete sie nicht nur neu und stilsicherer ein, er überredete sie nicht nur, die Frisur zu ändern und die Haare zu färben, nein, er zwang sie förmlich, den Gang und die Körpersprache der Toten zu imitieren. Um seinen Fetisch zu bedienen, um seine unerfüllbaren Gelüste zu befriedigen. Eine makabre, wenn nicht gar nekrophile Lust. Und die Frau spielte dieses durchschaubare Spiel schweren Herzens mit. Warum, das erklärte der Film erst spät.

Nun aber, 54 Jahre später, übertrifft Pedro Almodóvar diese Obsession des Wiederholens des Unwiederholbaren in seinem jüngsten Film "Die Haut, in der ich wohne". Wieder lässt ein Regisseur einen Darsteller, der mal sein Lieblingsschauspieler war, eine Frau nach dem Ideal einer verlorenen Liebe formen. Aber hier bleibt es nicht bei oberflächlichen Reizen, die imitiert werden. Hier wird die ganze Oberfläche kopiert. Der makabre Liebhaber ist hier ein plastischer Chirurg, der eine Frau gefangen hält - um sie ganz nach den Zügen seiner verblichenen Frau zu gestalten. Der Filmtitel ist ganz wörtlich zu verstehen: Der Mensch im Zeitalter seiner künstlerischen Reproduzierbarkeit.

Im Anwesen einer Privatklinik

Der Zuschauer versteht die Ausmaße, die Tiefendimension dieses Grauens erst nach und nach. Zunächst sieht man das malerische, luxuriöse Anwesen der Privatklinik dieses Robert Ledgard (Antonio Banderas). Sieht eine Frau (Elena Anaya), die scheinbar nackt Yoga praktiziert. Bei genauerem Hinsehen erkennt man ein hautfarbenes Body-Stocking, das sie zum Schutz trägt wie eine zweite Haut. Aber auch die erste Haut ist nicht die ihre. Sondern eine Kreation des Herrn Doktor, der damit seine ideale Frau maßschneidert. Das ist der Moment, in dem sich Hitchcock mit Frankenstein kreuzt. Und mit Pygmalion: In der klassischen Sage erschafft der Bildhauer Pygmalion eine Frauenstatue, die ihm so ideal scheint, dass er wünscht, sie möge lebendig werden. Die tatsächlich zum Leben erweckte Gestalt heißt Galatea. Gal, so heißt in Almodóvars Film die verblichene Frau und so nennt der Witwer zwar nicht sein Versuchskaninchen, aber doch die Haut, in der das Opfer wohnt.

Für Hitchcock war "Vertigo" wohl sein persönlichster Film. Zumindest in der Hinsicht, dass er darin am meisten von sich preisgab. Seinen Blondinen-Tick, Frauen ganz nach seinem persönlichen Geschmack zu formen, zu kleiden, ja zu erfinden. Ein Umstand, dem nicht wenige Schauspielerinnen ihre besten Filme zu verdanken hatten, bis diese neurotische Zwangshandlung bei Tippi Hedren, seiner "Vögel"- und "Marnie"-Darstellerin, allzu offen zutage trat. Und zum Bruch mit dem Regisseur führte.

Wie viel von Almodóvars Obsessionen in "Die Haut, in der ich wohne" stecken, das kann man, bislang, nur vermuten. Aber ein Blick auf sein Werk zeigt, dass auch hier gewisse Leitmotive fast manisch wiederkehren und variieren. Die zwanghafte Verfolgung einer aussichtslosen Liebe etwa, aber auf der anderen Seite auch das Spiel, ein anderer zu sein, eine fremde Identität anzunehmen, um begehrt zu werden. In "Fessle mich" (1989) war das bislang am stärksten formuliert. Da spielte Antonio Banderas, ein Star der frühen Almodóvar-Filme, einen Mann, der eine Frau kidnappt, die er liebt. Die er buchstäblich an sich fesselt, im naiven Glauben, er könne sie dadurch früher oder später gewinnen.

Nun, nach 21 Jahren, drehen die beiden erstmals wieder einen Film zusammen, der wie eine Spiegelung und konsequente Fortsetzung wirkt. Dass die Frau von Banderas, Melanie Griffith, die Tochter von Tippi Hedren ist, jener Schauspielerin, die Hitchcocks Obsessionen nicht ertrug, mag eine Pointe des Zufalls sein. Dass Griffith aber selbst zahlreiche Schönheits-OPs hinter sich hat und sich dem grassierenden Jugendwahn unserer Zeit unterwirft, das darf man schon ruhig mitdenken beim Betrachten dieses Films. Auch wenn Antonio Banderas nicht müde wird, seine Abscheu vor derartigen Eingriffen zu betonen.

Wissenschaft auf Abwegen

So ist "Die Haut, in der ich wohne" weit mehr als nur ein virtuoser Thriller, der geschickt mit Horrorelementen spielt. Der Film ist ein bissiger Kommentar auf die plastische Chirurgie (das nächste Botox-to-go überlegt man sich danach gewiss noch einmal) - und auf die ethisch fragwürdigen Möglichkeiten der jüngsten Wissenschaft. Banderas' Figur, ein klassischer Genre-Vertreter des mad scientist, erforscht ja die Transgenese von Haut, die er widerstandsfähiger entwickeln will, robust wie Schweinehaut. Er tut dies aus einem Schuldgefühl heraus, weil seine Frau einst bei einem Autounfall verbrannte. Ein Schuldgefühl, das sich zur Manie steigert, als ihm die Wissenschaft weitere Experimente dieser Art untersagt. Und er sie deshalb auf eigene Faust unternimmt, mit einem wehrlosen Versuchskaninchen. Als Almodóvar vor elf Jahren begann, an diesem Film zu arbeiten, klang das alles noch nach Science Fiction. Nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms scheint das indes zum Greifen nah.

Noch immer wird Almodóvar gern auf jene schrillen, überdrehten Komödien reduziert, mit denen er bekannt geworden ist und in denen er das Spanien der Nach-Franco-Ära als einziges Kuriositätenkabinett überzeichnete. Man erinnere nur an "Labyrinth der Leidenschaften" und "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs", beide Komödien aus den Achtzigern. Bürgerliche Normalität ist zwar auch in seinen jüngeren Werken nie mehr als Fassade, hinter der sich Abgründe und Neurosen offenbaren. Aber lachen kann man darüber schon lange nicht mehr. Seit seinem internationalen Erfolg von "Alles über meine Mutter" weicht der Ton seiner Filme mehr und mehr melodramatischen, tieftragischen Zügen. Sein jüngstes Meisterwerk, "Die Haut, in der ich wohne", markiert dabei einen neuen Höhepunkt. Ein Film, der buchstäblich unter die Haut geht. Der nachhaltig verstört. Und dabei ist die letzte, finstere Pointe, warum die junge Frau all diese Einschnitte in ihr Leben, in ihren Körper erduldet, noch gar nicht verraten. Es kann eigentlich nur empfohlen werden, sich den Film anzuschauen.

Ab Donnerstag in den Kinos