NS-Verbrechen

"Achte auf Dich, gib uns Nachricht, wir werden schreiben"

Sie hatte gewartet, zwei Tage lang. Charlotte Friedländer saß ruhig zwischen ihren Kindern und Enkeln, seit sie die Aufforderung erhalten hatte, sich zur Deportation bereitzuhalten. Ihre Enkelin überlieferte der Nachwelt, wie sie die letzten Minuten mit ihrer Familie in Berlin verbrachte

"Keine Träne, kein Wort. Was man sagen würde, wenn man etwas sagen wollte, wusste jeder, also konnte es unausgesprochen bleiben. ,Achte auf Dich, bleib gesund, gib uns Nachricht, wir werden schreiben, wir werden Dich vermissen, Mutter. - Wir sehen uns wieder, Kinder.'"

Vor genau 70 Jahren spielten sich zuerst in Berlin und Wien, wenige Tage später auch in Frankfurt, Köln, Hamburg und München immer gleiche Szenen ab: Die Deportationen der deutschen Juden "nach dem Osten" hatten begonnen. Jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Deutschland wurden in die längst überfüllten Gettos im besetzten Polen und Baltikum verfrachtet. Nachdem die "Einsatzgruppen" von SS und Polizei schon seit vier Monaten hinter der Front sowjetische Juden abschlachteten, weitete Hitler-Deutschland nun seinen mörderischen Rassenhass auf alle Menschen aus, die als Juden stigmatisiert waren. Wo Platz geschaffen werden musste für die Neuankömmlinge, ermordeten SS-Kommandos in den Gettos bereits eingewiesene Juden.

Schon am 1. Oktober 1941 hatte die Gestapo dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Moritz Henschel, mitgeteilt, "dass die Teilevakuierung von Berlin zu beginnen habe". Die große Synagoge in der Levetzowstraße sollte als Sammellager eingerichtet werden. Hildegard Henschel, die Frau des Gemeindevorstehers, beschaffte Lebensmittel und Medikamente, Wäsche, Kleidung und Schuhe, um den Menschen auf dem ungewissen Weg so viel wie möglich mitgeben zu können. Ein Krankenrevier und ein Kindergarten wurden hier eingerichtet; Gepäckträger halfen den Älteren und Kranken.

Kaum waren diese Vorbereitungen abgeschlossen, verschickte die Gestapo ab dem 12. Oktober 1941 die Evakuierungsbefehle - teilweise per Post, meist aber per Boten. Etwas über tausend Menschen bekamen wie Charlotte Friedländer die Anweisung, sich für den 15. Oktober bereitzuhalten. Die Lastwagen fuhren direkt zur Levetzowstraße, und von hier aus ging es drei Tage später weiter: Junge Leute mussten über neun Kilometer zum Bahnhof Grunewald laufen, nur für die Älteren und für Kinder stellte die Gestapo Lastwagen bereit.

Das Schicksal der Juden blieb den "arischen" Berlinern nicht verborgen. Die Marschkolonnen quer durch die Stadt zum Güterbahnhof Grunewald waren einfach nicht zu übersehen. Viermal allein in der zweiten Oktoberhälfte gingen Hunderte Menschen diesen Weg. Ihr verbliebenes Vermögen wurde aufgrund einer als Formblatt gedruckten und dann einzeln per Schreibmaschine ausgefüllten Verfügung "zugunsten des Deutschen Reiches" eingezogen. Nur wenige Tage nach der ersten Deportation begannen Versteigerungen des zurückgelassenen Hausrats. In den Zeitungen wurden solche Auktionen offen angekündigt, und viele Berliner nutzten die Gelegenheit, Schnäppchen zu machen.

Die mit den ersten Zügen zwischen Mitte Oktober und Mitte November 1941 deportierten deutschen Juden kamen in das Getto in Lodz, das in "Litzmannstadt" umbenannt worden war. Sie lebten unter furchtbaren Bedingungen, in überfüllten Wohnungen oft zu sechst oder zu acht in einem kleinen Raum, mit viel zu wenig Nahrung - aber sie lebten. Noch.

Anders erging es den 1006 Menschen, die am 17. November 1941 deportiert wurden. Ihr Zug wurde in die litauische Stadt Kaunas umgeleitet, weil das als Ziel vorgesehene Getto in Minsk keine Neuankömmlinge mehr aufnehmen konnte. Weil es auch in Kaunas keinerlei ausreichende Unterkünfte gab, wurden diese Berliner zusammen mit Schicksalsgenossen aus München und Frankfurt umgehend ermordet. Der unterschiedslose Massenmord an Juden jedes Alters, jedes Geschlechtes und jeder Herkunft hatte begonnen: der Holocaust.

Die Marschkolonnen quer durch die Stadt zum Güterbahnhof Grunewald waren nicht zu übersehen