Pianist Giovanni Allevi

Der schöne Rebell

In seiner Heimat Italien ist er bekannt wie ein Popstar, dabei komponiert er ausschließlich klassische Musik: Giovanni Allevi (42) ist vielleicht das interessanteste Talent der italienischen Musik der letzten Jahre. Mit seinen minimalistischen Melodien, die er am Klavier wiedergibt, füllt der Lockenkopf große Konzertsäle, seine Tourneen sind weltweit ausverkauft.

Heute Abend ist Giovanni Allevi in Berlin - er tritt im Admiralspalast an der Friedrichstraße auf. Mit dem smarten Musiker sprach Andrea D'Addi.

Berliner Morgenpost: Sowohl Ihr letztes Album, als auch der Name Ihrer Europatour lautet "Alien". Fühlen Sie sich auch ein bisschen "außerirdisch"?

Giovanni Allevi: Definitiv. Ich denke, all die Menschen sind anders als die anderen, die fähig sind, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Diejenigen, die die besondere Begabung haben, diese kleinen Blitze von Poesie erkennen zu können, die im Alltag versteckt sind. Diejenigen, die die Welt aus einem emotionaleren und tiefgründigeren Blickwinkel sehen.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie es geschafft, dass Sie so beliebt sind bei einem sehr jungen Publikum, das eigentlich weit entfernt ist von einem klassischen Komponisten?

Giovanni Allevi: Es ist schon echt ein Mysterium. Diese ganze Sympathie, die mir die jungen Leute entgegen bringen. Vielleicht liegt es daran, dass ich auf klassische Art versuche, von heute zu sprechen, über unsere Ängste, unsere Träume, unsere Erwartungen. Ich glaube, ich hatte den Mut, unserer Zeit eine neue Stimme zu verleihen. Ich liebe und respektiere Tradition, bin aber nicht ihr Sklave. Ich entnehme der Tradition Energie, das Leben, das in ihr steckt und übertrage es auf das Jetzt. Und in dieser Art, die Vergangenheit zu überwinden, drückt sich meine Poetik eines klassischen Rebellen aus.

Berliner Morgenpost: Sie treten wie nun in Berlin oft im Ausland auf. Wo sind Sie bislang am herzlichsten aufgenommen worden?

Giovanni Allevi: Von China bis nach Amerika, mir reicht es schon, wenn sich nur eine einzige Person an meiner Musik erfreut. Das macht mir unendlich Spaß. Nach meinen Konzerten begegne ich gerne dem Publikum. Das Lachen und die Umarmungen geben mir die Kraft, meinen Weg aus Konzentration, Konsequenz und viel Leidenschaft weiterzugehen. Ein Konzert aber ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war das erste, weit weg von zuhause. Es war an meinem 21. Geburtstag. Im Saal waren fünf Menschen und anfangs war ich wahnsinnig verunsichert. Aber als ich anfing zu spielen, haben mir diese fünf Leute soviel Begeisterung geschenkt, dass ich in dieser Nacht verstand: Musik ist mein Leben!

Berliner Morgenpost: Ist es schwierig im Italien von heute als Künstler erfolgreich zu sein?

Giovanni Allevi: Ob Frankreich, Italien oder Deutschland, ich glaube, dass jeder von uns sich das geeignete Umfeld selbst schaffen kann. So wie ich glaube, dass ein einzelner Tropfen den Ozean beeinflussen kann. Europa kann auf eine außergewöhnliche musikalische Tradition zurückblicken. In Krisenzeiten wie jetzt ist die Zeit reif, diese Tradition mit neuen Kompositionen, neuen Klängen aufleben zu lassen. Die großen Komponisten, Mozart, Beethoven, Mahler, haben alle entgegen des Zeitgenössischen geschrieben. Bei aller Bescheidenheit: Ich versuche, dasselbe zu machen. Dieser Weg, dieser Prozess, ist so aufregend, dass ich manchmal nachts nicht schlafen kann. Es ist sehr schwer, das Gewicht der Tradition zu überwinden.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie, dass die italienische Kultur unter der Wirtschaftskrise in Ihrem Land und damit unter gekürzten Subventionen leidet?

Giovanni Allevi: Ich glaube sowieso nicht an staatliche Förderungen, besonders was die musikalische Kreativität betrifft. Sie braucht allein einen Stift und Notenblätter.

Berliner Morgenpost: Was würden Sie den Musikern sagen, die nach vielen Enttäuschungen aufgegeben und sich einen anderen Job gesucht haben?

Giovanni Allevi: Ich glaube nicht, dass Erfolg etwas ist, was man an Zahlen oder Anerkennung von außen messen kann. Erfolg ist, seinem Talent zu folgen, seine Begabungen auszuleben, das gibt einem die höchste Befriedigung. Alles andere ist nicht vorhersehbar, nicht planbar.

Berliner Morgenpost: Gibt es zeitgenössische Pianisten, die Sie gut finden? Vielleicht einen Deutschen?

Giovanni Allevi: Ich hatte das Glück, mit dem Philharmonischen Kammerorchester Berlin zusammenarbeiten zu können. Sie haben meine Musik gespielt und es war ein unglaubliches Gefühl zu hören, wie meine Noten von solch talentierten Musikern umgesetzt werden.