Friedenspreisträger Boualem Sansal

"Mit herrlichem Getöse werden sämtliche Mauern fallen"

Er ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Algeriens - und nimmt kein Blatt vor den Mund. Boualem Sansal zählt zu den schärfsten Kritikern von Präsident Abdelaziz Bouteflika, den er für die Korruption und den Verfall der demokratischen Kultur in seiner Heimat verantwortlich macht. Seine Romane sind in Algerien verboten.

Gestern ist Sansal nun in der Paulskirche in Frankfurt am Main mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und zählt zu den bedeutendsten kulturellen Auszeichnungen in Deutschland.

Der Geehrte bedankte sich für die "rührende und aufmunternde" Geste: "Sie zeugt davon, dass Sie sich dafür interessieren, wie wir Völker des Südens versuchen, uns vom Joch unserer bösartigen und archaischen Diktaturen zu befreien", sagte er in seiner Dankesrede.

Zudem forderte er ein Ende der Gewalt im Nahen Osten. Die Menschen wollten nicht weiter hinnehmen, "dass der älteste Konflikt der Welt, nämlich der israelisch-palästinensische, noch weiter andauert", sagte er in der Paulskirche.

Der in Tunis angebrochene Frühling, so Sansal, werde auch in Tel Aviv und Ramallah eintreffen. Auch China werde von dem neuen politischen Wind erreicht werden.

"Bald wird er Palästinenser und Israelis im Zeichen der gleichen Wut vereinen, dann kommt über den Nahen Osten die Wende, und mit herrlichem Getöse werden sämtliche Mauern fallen", prognostizierte Sansal unter heftigem Applaus.

Der Autor, 1949 in den Bergen von Oran geboren, legt sich fast ausnahmslos mit allen an: mit hohen Militärs und Politikern, mit Islamisten und Geheimdiensten. Nicht zuletzt mit jenen ausländischen Investoren, die sich einzig für den Erdölpreis interessieren - und sich deshalb mit den Machthabern in Algerien gut stellen. Ihnen verübelt er, dass sie wegschauen, wenn die Menschenrechte in seinem Land mit Füßen getreten werden.

Wie sich dies auf den Alltag der Algerier auswirkt, schildert Sansal in seinen sechs Romanen und zwei Essaybänden. Er zeigt auf, wie eine Schreckensherrschaft von außen gestützt am Funktionieren gehalten werden kann. In seinem Roman "Das Dorf des Deutschen" schlägt er sogar einen Bogen vom Holocaust zum Terror der Islamisten. Trotz allem ging Sansal nicht ins Exil nach Frankreich, wie die meisten seiner Kollegen. Er schreibt auch nicht unter Pseudonym wie beispielsweise der algerische Krimiautor Mohammed Moulessehoul, dessen ebenso hochpolitische Literatur unter dem Namen Yasmina Khadra erscheint. Sansal lebt im Küstenort Bourmerdès, nahe Algier, und trotzt allen Widrigkeiten. 2003 verlor er seinen Posten als hoher Regierungsbeamter, und seine Bücher sind in Algerien verboten, kursieren aber trotzdem.

Seine Analyse: Das Regime halte die algerische Bevölkerung mit Hilfe des islamistischen Terrors nieder, sagt er. "Oppositionelle werden nicht vom Regime ermordet, dieses schaut nur tatenlos zu. Sie kommen bei einem islamistischen Überfall um oder bei einem Autounfall. Keiner weiß anschließend, wer es war." Auf diese Weise werde auch die Presse- und Meinungsfreiheit untergraben.

"Sie bespitzeln Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften - manipulieren einflussreiche Persönlichkeiten, zum Beispiel Imame an der Spitze großer Moscheen oder Professoren und Dozenten in den Universitäten und andere wichtige Persönlichkeiten der Gesellschaft." So sei der arabische Frühling in Algerien gescheitert.

Wie kann Sansal in diesem Land leben? "Sollen sie doch gehen, ich bleibe", sagt er. Das Regime sei nicht dumm: "Mich als allein stehenden Schriftsteller lassen sie agieren, um nach außen als demokratisch dazustehen."