Interview

"Jogginghosen sind schlimmer als Scheidungen"

Nach neun langen Jahren meldet sich der amerikanische Bestseller-Autor Jeffrey Eugenides mit "Die Liebeshandlung" zurück. Sein vorheriger Roman "Middlesex" verkaufte sich weltweit drei Millionen Mal, wurde in 38 Sprachen übersetzt und brachte ihm 2003 den Pulitzerpreis und den "Welt"-Literaturpreis ein.

In den vergangenen Wochen spekulierten Fans und Kritiker bereits heftig über den Inhalt der Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen dem ernsthaften Mitchell, dem hochbegabten, aber psychisch instabilen Leonard und der Literaturstudentin Madeleine. Die Handlung setzt am Tag der Abschlussfeier im Sommer 1982 an der altehrwürdigen Brown University ein, an der auch Eugenides studiert hat. Wie viel von ihm selbst in Mitchell steckt und wie die Bilanz dieser intensiven, aber tragischen Dreiecksbeziehung ausfällt, darüber hat Huberta von Voss mit Jeffrey Eugenides in Princeton gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Eugenides, Ihr neuer Roman hat zwar den Sound, den wir von Ihnen kennen, scheint aber tiefgründiger als die Vorgängerromane. "Die Liebeshandlung" wirkt viel ernster, es geht um eine große Liebe und die Ehe.

Jeffrey Eugenides: Für mich selbst ist es schwer zu sagen, ob das Buch tatsächlich ernster ist als die anderen. Colm Tóibín sagte mir gerade, er habe den Eindruck, dass ich beim Schreiben oft laut lachen müsse, selbst wenn ich etwas sehr Ernstes schreibe. Allerdings täuscht er sich da. Ich kann durchaus traurig sein.

Berliner Morgenpost: Ein Kapitelvorabdruck im "New Yorker" war mit "Extreme Solitude" überschrieben, "extreme Einsamkeit". Ist unser Traum, durch die Liebe von der Einsamkeit erlöst zu werden, eine Illusion?

Jeffrey Eugenides: Der Titel ist ein Zitat von Roland Barthes, den Madeleine und Leonard in einem angesagten Semiotik-Seminar lesen. Barthes ist 1982 der Mann der Stunde. Er stellt die Liebe infrage und die Art und Weise, Literatur zu lesen, auf den Kopf. Ich mache damit keine abschließende Aussage über die Liebe. Mir geht es in dem Roman darum, den inneren Zustand der Liebe zu erkunden, die Schwierigkeit zu zeigen, die eine richtige Person zu finden, wenn man noch auf der Suche nach sich selbst ist. Es geht um all die verschiedenen, großen Erwartungen, die wir in unserem Kopf haben und die dann auf die Realität treffen.

Berliner Morgenpost: Der Denker Friedrich Schleiermacher behauptete, nichts sei so schwierig wie das Heiraten. In "Die Liebeshandlung" wollen es zwei junge Menschen, Madeleine und Leonard, trotzdem versuchen. Was versprechen sich die beiden?

Jeffrey Eugenides: Sie heiraten aus mehreren, sehr verschiedenen Gründen. Als Leonard um Madeleines Hand anhält, ist er in einem wahnhaften Zustand.

Berliner Morgenpost: Das sind wahrscheinlich die meisten Männer!

Jeffrey Eugenides: Ja, vielleicht. Nein, im Ernst: Leonard ist manisch-depressiv. Er hat Angst, wegen seiner Krankheit nicht nur Madeleine zu verlieren, sondern auch ihre finanzielle Unterstützung. Im Gegensatz zu ihr ist er arm, er kommt aus einer kaputten Familie. Leonard mag auch die Art, wie sie sich um ihn kümmert. Madeleine wiederum liebt das Leben an seiner Seite, sie fühlt sich lebendig und begehrt. Leonard kann wie kein anderer zuhören, auf sie eingehen, wenn seine Stimmung nicht von der Krankheit überlagert wird. Sie ist gefangen in dem Drama, ihn retten zu wollen. Sie versucht, diese beiden Schichten zu trennen: den leidenschaftlichen, brillanten, einfühlsamen Leonard von dem anderen Leonard, dem in seiner Krankheit verkapselten. Und sie glaubt lange, sie könnte das schaffen.

Berliner Morgenpost: Ist diese Heilserwartung an die Liebe in Zeiten von Eheverträgen und hohen Scheidungszahlen noch zeitgemäß? In Amerika läuft gerade eine neue, sehr erfolgreiche Sitcom namens "Whitney". Und die Protagonistin sagt zu ihrem Freund: "Die Hälfte aller Ehen endet in Jogginghosen."

Jeffrey Eugenides: Jogginghosen sind vielleicht noch schlimmer als Scheidungen. Trotzdem: Die Leute tun es immer wieder. Dahinter steckt die Hoffnung, im Leben eines anderen eine zentrale Rolle zu spielen.

Berliner Morgenpost: Jean-Paul Sartre beschrieb die Ehe einmal als lebenslängliche Doppelhaft. Sind Sie der letzte Romantiker?

Jeffrey Eugenides: Es geht mir gar nicht so sehr um die Ehe. Mir geht es mehr um die erste große Liebe: die Erfahrung der ersten großen Traurigkeit und den Umgang damit. Dennoch enthält die Geschichte auch Optimismus, was die Zukunft der Figuren angeht. Leonard erkennt, dass Madeleine sein Ideal einer Frau war - aber eben eine frühe Idee davon. Trotzdem: Wenn ich mich mit Sartre vergleiche, glaube ich, dass ich ihn ausstechen kann, was die Wertschätzung für die Ehe angeht.

Berliner Morgenpost: Ein anderes großes Thema Ihres Romans ist Mitchells Gottsuche und seine Hinwendung zum Gebet, nachdem Madeleine ihn als Liebhaber zurückweist. Haben Sie nicht Angst, mit dem Dreiklang des Romans aus Glaube-Liebe-Hoffnung als konservativ oder religiös abgestempelt zu werden. Und: Hat Tolstoi Sie beeinflusst?

Jeffrey Eugenides: Tolstoi hat mich immer sehr bewegt, zum Beispiel in "Anna Karenina" die Figur des Konstantin Lewin, für den die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes mit seiner Frau Kitty wie eine Epiphanie ist. Es gibt in zeitgenössischen Romanen eine seltsame Abwesenheit von Religion, obwohl Glaubensfragen doch sehr viele Menschen beschäftigen. Saul Bellow hat sich als einer der wenigen Schriftsteller mit dem Glauben auseinandergesetzt. Es ist mir egal, wenn jemand meinen Roman für zu konservativ hält. Ich glaube, das hat auch gar nichts mit Konservativismus zu tun. Glaubensfragen sind essenziell und wichtig - man sollte sie nicht aus irgendwelchen Zeitgeistgründen ignorieren.

Berliner Morgenpost: Sie haben Ihr Privatleben nach dem großen Erfolg von "Middlesex" bisher gut abgeschirmt. Jetzt lernen die Leser mit Mitchell Ihr literarisches Alter Ego kennen - geboren in Detroit, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, sehr begabt, ernsthaft und dennoch humorvoll, Literatur- und Theologiestudent, der nach Indien fährt und im Hilfswerk von Mutter Teresa seine spirituellen Grenzen erfährt. Wo ist der Unterschied zwischen Jeffrey und Mitchell?

Jeffrey Eugenides: Ich war viel weniger ein Außenseiter als er, war glücklicher und besser in das Studentenleben integriert. Aber Mitchell ähnelt mir in meinen schlechten Momenten. Dennoch sind wir nicht identisch, weder in unserem Wesen, noch in den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Im Laufe des Schreibens bekommen Charaktere ihre eigene Persönlichkeit - gleichzeitig haben alle drei Figuren Persönlichkeitszüge von mir. Man teilt sich quasi auf, bis dann alle selbstständig werden.

Berliner Morgenpost: Zu den stärksten Stellen des Buches gehören die Passagen über die Wesensveränderungen und seelischen Abstürze Leonards. Was hat Sie bewogen, über einen Menschen mit manischen Depressionen zu schreiben?

Jeffrey Eugenides: Ich kenne einige Paare, die in dieser Konstellation leben. Ich wollte herausfinden, wie eine Partnerschaft funktioniert, wenn einer emotional derart instabil ist.

Berliner Morgenpost: Warum lassen Sie Leonards Schicksal offen? Haben Sie Mitleid mit ihm?

Jeffrey Eugenides: Ja - Mitleid und Sympathie. Vielleicht ist er am Ende der wahre Held des Romans.

Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung. Aus dem Amerikanischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald, Rowohlt Verlag, 624 S., 24,95. Der Roman erscheint am Dienstag.