Kunstsache

Wie Sambatrommeln im Berliner Herbst

Ich gehe häufig vietnamesisch essen. Manchmal sehe ich von meinem Fenster aus einer türkischen Hochzeit zu. Sie vermuten wahrscheinlich, ich habe den Verstand verloren, dass ich Ihnen das hier erzähle. Ich möchte damit jedoch etwas klarstellen: Berlin ist Berlin, weil es Multikulti ist.

Auch wenn wir alle mit unserem Leben beschäftigt sind, so ist doch die gelegentliche Berührung mit Menschen, die aus allen Ecken der Welt hierher kamen, genau das, was diese Stadt so reizvoll macht. Der Fremde erlöst uns quasi aus dem Status des Dorftrottels.

Diesen rein selbstsüchtigen Blick auf andere Kulturen nennen Wissenschaftler mit Stirnrunzeln "exotistisch". Ich finde das okay. Die Kunst zum Beispiel ist ja auch exotistisch. Drei Ausstellungen habe ich mir in dieser Woche angeschaut, die sich mit unserem Verhältnis zur Fremde beschäftigen. Im Wedding zeigt Max Hetzler Bilder von Beatriz Milhazes. Die Brasilianerin lässt sich von der Pflanzenwelt Südamerikas inspirieren. "Gamboa Season: Summer Love" etwa zeigt auf gigantischen drei mal fünf Metern rote und blaue Blumen, die vor gelben Sonnenstrahlen erblühen. Die knalligen Farben sind mit Schwarz angeschmutzt, so als hätten sich die Abgase Rio de Janeiros darauf abgelagert. Das Ganze ist verboten oberflächlich und so stimmungsaufhellend, als hätte jemand im grauen Berliner Herbst die Sambatrommeln ausgepackt. Hetzler zeigt noch drei andere Bilder aus diesem Jahrezeitenzyklus der Liebe, zusammen mit Werken, die Milhazes aus Glitzerfolie und Bonbonpapier zusammengeklebt. Sie sehen aus, als ob Jeff Koons versucht, eine Collage von Kurt Schwitters zu machen, und das zeigt auch, wie gut vermarktbar Milhazes ist, wie anschlussfähig an die dekorative Tradition der westlichen Postmoderne. (Bis 5. November, Oudenarder Str. 16-20, Wedding)

Mario Pfeifer wollte einen exotistischen Blick vermeiden. Also hat er bei seinem Besuch in Mumbai im vergangenen Jahr an allen Touristenmotiven vorbeigefilmt. KOW Berlin zeigt nun Pfeifers mehrteilige Videoprojektion "A Formal Film in Nine Episodes, Prologue & Epilogue". Man kann indischen Arbeiter in einem Kühlhaus zusehen, wie sie mit Pickeln große Eisblöcke in kleine Brocken für ihre Kunden zerhauen. Man sieht einen Friseur, der einen Schädel rasiert und dann die Glatze mit einem gelben Pulver einreibt. In einer dritten Episode brettert ein Taxifahrer durch die Mumbaier Nacht. Ich mochte Pfeifers Film ganz gern, weil er nichts zu erklären versucht, sondern schlicht demonstriert, wie sehr sich die Menschen überall auf der Welt ähneln. (Bis 28. Oktober, Brunnenstr. 9, Mitte)

Auch der Galerist Matthias Arndt sieht sich als Brückenbauer Richtung Osten. Doch auf seiner Reise hat er versehentlich den ersten Pfeiler hinter sich weggesprengt. Die Ausstellung "Asia: Looking South" war für mich die schwierigste Schau, weil eine Informationslücke klaffte. Mir erschloss sich einfach nicht, warum Künstler wie der Thailänder Natee Utarit oder die Indonesier Agus Suwage und Entang Wiharso so handwerklich präzise, aber auch so kitschige Kunst machen. Utarit malt einen Kaninchenkopf in einer Bratpfanne, Suwage ein Selbstporträt, in dem er einen Schädel küsst und Wiharso entwirft traditionelle Tempelpaneele, in denen Batman auftritt. Ich fand das alles rätselhaft und langweilig. Aber es kann gut damit zu tun haben, dass ich nichts über die Künstler und ihre Heimatländer wusste. Vielleicht - so beschloss ich - sollte ich den nächsten vietnamesischen Nudelkoch nach seinem Leben ausfragen. (Bis 27. Oktober, Potsdamer Str. 96, Tiergarten)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien