Ottomanie

Jetzt dirigiert er auch noch

Es war alles halb so schlimm: außer einer Zote über die zweifelhafte Vaterschaft der anwesenden Väter und einen Seitenhieb auf die Sangeskünste eines Kollegen vermied Otto Waalkes alle Anzüglichkeiten.

Auch sein 'Hänsel und Gretel' war nicht zu hören in diesem Familienkonzert, weder in der klassische noch ostfriesischen Version. Dafür erklang 'Peter und der Wolf' und zwar in der klassischen Fassung Sergej Prokofjews. Von dem russischen Komponisten stammt auch der Text; er ist mindestens noch zwölf Jahre urheberrechtlich geschützt. Otto Waalkes hat bereits versucht, aus dem musikalischen Märchen eine seiner gefürchteten Parodien zu machen, aber die Prokofjew-Erben lehnten höflich ab. Vielleicht kannten sie die Zeile: Im Walde steht ein Hexenhaus, und Gretel zieht sich nackend aus...

Unser Mann aus Emden war also gezwungen sich zusammen zu reißen, was in Familienkonzerten durchaus wünschenswert ist. Kein Problem für ihn. Und der Prokofjew funktioniert bei ihm ohne große Änderungen blendend. Waalkes hatte sofort Ja gesagt, als ihn die Berliner Symphoniker um seine Teilnahme baten. Das 2004 vom Senat finanziell erdrosselte Orchester ist noch immer quicklebendig, Lior Shambadal noch immer der Chefdirigent. Und diesmal saß auf Stuhl eins mit Hans Maile sogar der ehemalige Konzertmeister des Deutschen Symphonie-Orchesters. Die Symphoniker wollen in den nächsten zwei Jahren einen Sozialisierungsbeitrag für Jugendliche und Heranwachsende leisten. Möglich gemacht hat das die Klassenlotterie Berlin. Da das Orchester auf pädagogischem Feld jahrzehntelange Erfahrung besitzt, gelang der erste Durchgang der neuen Serie gleich prächtig. Die Überschrift schreckte glücklicherweise niemanden ab: Integrationsfokussiertes Konzert für die ganze Familie. Ob hier tatsächlich türkische Mitbürger in die deutsche Musikkultur integriert werden sollen oder deutsche in die türkische oder deutsch- und türkischstämmige Jugendliche und weitere Stämmige und Dünne in den Klassikbetrieb - das blieb offen. Otto Waalkes findet die Sache toll. Er verkündete schon bei der Generalprobe: "Migrationsfokussierte Integration - das ist doch auch für mich als Ostfriesen interessant!" Für Orchester begeistert er sich ohnehin, er liebt es, wenn ihn Streicher zur Gitarre begleiten. Als Zwölfjähriger bekam er sein erstes Instrument geschenkt, sang und spielte in einer Beatband. Waalkes hat sogar klassische Gitarre studiert auf dem Konservatorium in Blankenese, aber nur kurz, bis er seine Berufung zu Höherem verspürte. Zum höheren Blödsinn. Die Musik trat zeitweilig hinter der Comedy zurück, doch die Klampfe war meistens dabei. Aus dem Ostfriesen Otto wurde der Außerfriesische, der gesamtdeutsche Meister unter den Blödelbarden.

Im Symphoniker-Konzert mimte Waalkes den Moderator, und zwar schon im ersten Teil vor der Pause. Da gab es 'Lieder über Istanbul', gesungen von Meral Azizoglu und Bekir Ünlüataer. Eingesponnen in eine Rahmenhandlung wurden einige Perlen der modernen Bosporus-Romantik verstreut und von denen, die es konnten, beherzt mitgesungen. Die zum Einsatz kommenden türkischen Musikinstrumente konnten eine Stunde vor Konzertbeginn begutachtet werden, wobei sich das Foyer der Philharmonie in ein Experimentalstudio für Freejazz verwandelte. Berlin ist in dieser Beziehung gut gerüstet: die Musikschule Neukölln bietet Unterricht in arabischen Instrumenten an, am Konservatorium für türkische Musik in der Bergmannstraße werden traditionelle Instrumente wie Oud und Tanbur gelehrt.

Bislang fand die Vermittlung türkischer Musik überwiegend in eigens errichteten Reservaten statt. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin erkundete mehrmals Unvertrautes, und die Philharmoniker pflegen nach wie vor ihre Reihe 'Alla turca' (sie heißt ab 2011 'Unterwegs'). Aber von einem echten Landgewinn sind wir weit entfernt, die Milieus vermischen sich nicht. So zerfiel auch der erste Nachmittag des Symphoniker-Projekts in zwei Teile. Vielleicht sollte man es einmal auf anderem Wege versuchen und große türkische Komponisten wie Ahmed Adnan Saygun oder Necil Kazim Akses dem hiesigen Publikum präsentieren. Nicht nur Jugendliche haben keine Ahnung von dieser reichen Musikkultur. Denn sie erschließt sich schwerer als Literatur, die mit Yaºar Kemal und Orhan Pamuk doch immerhin zwei in Deutschland sehr populäre Vertreter vorweisen kann.

Brahms, der Ost-Friese

An dieser Schieflage konnte Otto Waalkes nichts ändern. Zumal er sich stark auf den zweiten Teil des Konzertes konzentrierte. Sein kreativer Auftritt kam erst nach der Pause. Prokofjews 'Peter und der Wolf' zeigte ihn in pantomimischer Höchstform, geradezu zoologisch, wie er die auf Samtpfoten heranschleichende Katze imitiert oder den Augen rollenden Wolf. Irgendwie befriedigte ihn diese Metamorphose jedoch nicht, und er dachte sich ein paar Zusätze aus. Zum Beispiel den 2. Satz aus Haydns Paukenschlag-Symphonie, kombiniert mit der Geschichte von 'Fuchs und Rabe'. Der gelackmeierte, krächzende Rabe entpuppte sich als Dieter Bohlen. Um den DSDS-Guru vollends zu übertrumpfen, griff Otto zur Gitarre. Er zupfte und sang, unterstützt vom Orchester, Paul McCartneys 'Yesterday', zweisprachig versteht sich. Die deutsche Übersetzung 'Gesterntag' klingt ein wenig kriminell, Waalkes hat sie einst zusammen mit Robert Gernhardt verbrochen. Frei nach seinem Künstlermotto ("Ich bin gegen jeden Personenkult - ehrliche Anbetung ist mir echt lieber") entwand der Barde schließlich auch noch Shambadal den Taktstock. Die Symphoniker spielten unter Waalkes Gezappel einen Ungarischen Tanz von Brahms. Auch das natürlich eine Integrationsmaßnahme: Brahms war ja aus Hamburg, eine Art Ost-Ostfriese, und passt von daher ideal in Ottos Konzept.

So verlief der Nachmittag risikolos und jugendfrei, kein "Hänsel und Gretel", und auch keine schwulen Schlümpfe. Gelegentlich wurden Ottifanten gesichtet. Und am Ende versammelten sich die Nachwuchsfans von Waalkes jubelnd am Künstlertürchen. Tolle Sache, diese Sache. Nächste Sturmflut mit Waalkes am 3. Juni 2012. Wieder in der Philharmonie.