Hotel Savoy im Hau 1

Menschen im Hotel: Wer ist Schauspieler, wer Besucher?

Eigentlich steht das Hotel Savoy in Lodz. Der österreichische Autor Joseph Roth hat ihm 1924 ein Denkmal gesetzt.

Einfach so in einem Roman, der in der Frankfurter Zeitung abgedruckt wurde. Noch heute steht es dort. Seltsames geht in dieser Herberge zu, als Kriegsheimkehrer Gabriel dort eintrifft. Den Hoteldirektor bekam noch nie einer zu Gesicht, der Liftboy Ignatz verleiht an die, die nicht zahlen können Geld, ein anderer träumt vom Lottogewinn und der Milliardär Bloomfield hat sein Kommen angekündigt.

Im Hebbel am Ufer hat der Schweizer Dominic Huber seine eigene Version des Hotels gebaut. Eine Total-Installation nennt er das, interaktiv, begehbar. Man weiß nicht, wer Schauspieler, wer Besucher ist. In kurzen Abständen werden die zahlenden Gäste ins Hotel gebracht. Aus übergroßen Baugerüsten mit schwarzem Tuch verhangen, wächst der Koloss dem Boden empor, auf drei, vielleicht vier Etagen, so genau kann man das im verwinkelten Inneren nicht mehr sagen, erstreckt sich ein Labyrinth der Kuriositäten.

Zwei Türen führen hinein, an jeder steht die Nummer 703. Davor steht das geheimnisvollste Mädchen aller Zeiten. Mit großen Augen, so naiv schön, man meint die kleine Alice aus dem Wunderland vor sich zu haben, fragt sie einen: "Spielen wir ein Spiel?". Münze-Werfen, Kopf oder Zahl? Zahl. Sie öffnet die rechte 703. Ein billiges Hotel-Zimmer, der Fernseher flimmert, die U-Bahn rattert vorbei, jedenfalls klingt das vor dem Fenster so. Wenigstens ist Bier in der Mini-Bar.

Eine Stimme haucht durchs Radio, es sei Zeit zu gehen. Wie von Geisterhand fährt der Spiegel zur Seite, man ist in einem neuen Zimmer. Im Nebenraum spielen vier Poker. Simon, der Gastgeber, trinkt Wodka. Die Gesichter sind grimmig, lachen ist verboten. "Schau mir nicht in die Karten." Vor der Tür in der Ecke, die mit "Bloomfield" beschriftet ist, steht ein gefährlich wirkender Riese. Schneeweißer Bart, Glatze, ein echter Rocker. "Bloomfield ist noch nicht da, du musst draußen bleiben." Das Telefon klingelt. Ein anderer geht ran, Simon springt auf. Das sei sein Haus, hier gehe er ans Telefon. Die weichste Stimme der Welt erklärt durch die Muschel: "Klopfe drei Mal an die nächste Tür und lass Dir eine Nummer geben. Triff mich dann in der Bar." Wie sie denn heißt, die Stimme, will man wissen. Angelika ist ihr Name. "Hast Du schon mal einen Antrag bekommen?", fragt sie verschwörerisch und legt auf, das kennt man aus Agentenfilmen

Trash im Poker-Zimmer

Das Hotel Savoy ist real gewordener Trip. Wie bei Carroll fällt man immer tiefer in den Hasenbau. Formen, Farben verwischen, vor einer Stange verhandeln zwei. Die Stange ähnelt einer Feuerwehrrutsche, vom Treppenhaus geht es direkt in die kleine Bar im Keller. Für zehn Euro dürfe man herunterrutschen. "Wie wär's mit einem nackten Handstand?", bietet der eine an. "Abgemacht." Eine Frau hält das Hemd und die Krawatte. Ungläubig folgt sie dem Spektakel. Das kann doch nur ein Schauspieler sein. Er zögert. Vielleicht doch nicht. Er macht den Handstand, die Hose ist unten. Er darf trotzdem nicht rutschen. Beschämt zieht er sich an. Später tanzt er dicht an dicht mit einem Karaoke-Sänger in der Bar, liegt schließlich liebestrunken auf dem Sofa.

Wie im Episodenfilm "Four Rooms" geschieht in Hubers Savoy das Fantastische. Film Noir in der schummrigen Bar, Trash wie von Tarantino im Poker-Zimmer. Am Ende glaubt man gar nichts mehr. Vielleicht spielt man selber eine Rolle. Das Hotel Savoy ist der beste Grund an allem zu zweifeln und doch nicht verrückt zu werden. Bloomfield ist übrigens nicht gekommen.

HAU 1 Stresemannstr. 29: 24., 26., 27, 28. 10. 2011 / 18.00 bis 22.00 Uhr und 22., 23., 29., 30. 10. 2011 / 16.00 bis 22.00 Uhr / Start im 15 Minuten-Takt