Interview mit Cilly Kugelmann

"Es ist eine Schatzkiste der kollektiven Erinnerung"

Cilly Kugelmann hat das Jüdische Museum von Anbeginn mitgestaltet. Die gebürtige Frankfurterin, Jahrgang 1947, hat in Israel Kunstgeschichte studierte und arbeitete zuvor am Jüdischen Museum ihrer Geburtsstadt. Jetzt ist sie als Stellvertreterin von Direktor W. Michael Blumenthal für das Innenleben, die Programme im Libeskind-Bau verantwortlich. Volker Blech sprach mit ihr.

Berliner Morgenpost: Was war für Sie das Überraschendste in den zehn Jahren?

Cilly Kugelmann: Dass das Museum so viele Besucher anzieht. In Frankfurt und auch anderen Städten kommen die Besucher aus der Stadt und der Region. Aber in einer Touristenstadt wie Berlin sind die Besucherzahlen unvergleichlich höher, es ist ein unbekanntes, auch ausländisches Publikum, das viel weniger mit deutschen Themen anfangen kann. Nun sind wir ja ein deutsches Geschichtsmuseum, das mit dem besonderen Fokus auf die Geschichte der Juden wirbt. Die sich nicht nur in den Grenzen Deutschlands vollzieht, aber wir werben auch mit den Juden in Deutschland, die wiederum keine Deutschen sind. Es ist eine komplexe Geschichte, aber es ist deutsche Geschichte.

Berliner Morgenpost: Wofür interessieren sich ausländische Besucher am meisten?

Cilly Kugelmann: Touristen zieht es zur großen Kunst wie gerade in die Ausstellung "Gesichter der Renaissance". Das ist für Italiener, Holländer oder Franzosen gleichermaßen relevant. Für uns bedeutet der große Anteil von ausländischen Besuchern eine ganz besondere Themensorgfalt. Bis jetzt haben wir uns in erster Linie mit der Vergangenheit befasst. Und es gibt noch genügend spannende Themen z.B. zur Wirtschaftsgeschichte. Der Diamantenhandel war für zwei Jahrhunderte ein jüdisches Business, in Antwerpen. Das geht jetzt langsam in die Hand von Indern und Chinesen über. Ein anderer Komplex: Die heutige Liturgie in der Synagoge hat sich erst im Mittelalter entwickelt. Man könnte schauen, wie das im Zusammenspiel, im Reiben mit dem Christentum entstanden ist.

Berliner Morgenpost: Ihr Museum agiert sehr öffentlich. Gibt es auch antisemitische Anfeindungen?

Cilly Kugelmann: Ab und zu kommt mal ein merkwürdiger Brief. Das wird alles in einer Mappe gesammelt wo "Meschugge" draufsteht.

Berliner Morgenpost: Im Gegensatz zum Museum, das auch marketingtechnisch seine Türen weit öffnet, findet die Festwoche eher im kleinen Kreis statt?

Cilly Kugelmann: Die Festwoche trägt beides in sich, es gibt das große Festkonzert mit Daniel Barenboim und das Foundraising-Dinner, was weit ausstrahlt. Und darüber hinaus wollten wir uns in dieser Woche auf die Kernthemen des Museums konzentrieren. Wie arbeitet ein solches Museum? Genau genommen ist eine Woche der intellektuell offenen Türen.

Berliner Morgenpost: Nanu, was sind das für Zugänge?

Cilly Kugelmann: Wir haben keinen Pergamonaltar, keine Mona Lisa und auch keinen Caspar David Friedrich. Es gibt nichts, was die Teenies - wo auch immer auf der Welt - daheim als Poster an der Wand zu hängen haben und jetzt unbedingt im Jüdischen Museum in Berlin einmal sehen wollen. Unsere Stärke sind die kleinen alltäglichen Dinge, die wir interpretieren. Wie haben Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gelebt? Es war immer eine Minoritätensicht, die sich immer an ihrer Umgebung gerieben hat. Es zeigt das Phänomen, dass man auch in einer unfreundlichen Umgebung glücklich leben kann.

Berliner Morgenpost: Was sind die großen Kulturobjekte?

Cilly Kugelmann: Solche Objekte gibt es im Judentum weniger als Materie, sondern als Idee. Das Judentum hat den Ruhetag in die Welt gebracht. Den Schabbat, aus dem sich der Sonntag entwickelt hat. Das sind immaterielle Dinge, die die ganze Welt teilt, aber die man nicht anschauen kann. Museen arbeiten mit Objekten, aber unsere sind keine Schauobjekte. Unsere Stärke ist es, Zusammenhänge aufzuzeigen und Geschichten zu erzählen. Hier besteht ein Großteil der Objekte aus Nachlässen der von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Juden. Das Museum ist eine Schatzkiste der kollektiven Erinnerung des deutschen Judentums.