Kunstsache

Skulpturen aus dem Requisitenfundus eines Filmstudios

Teamfähigkeit gehört nach landläufiger Vorstellung nicht zum Anforderungsprofil eines Künstlers. Im Gegenteil: Ein Künstler ist man, wenn man sich verkriecht und Monate später mit einem hoffentlich ansehnlichen Produkt wieder auftaucht.

So lautet das Klischee - das nicht stimmt, natürlich arbeiten auch Künstler ständig mit allem und jedem zusammen. Der Maler Heribert Ottersbach etwa hat sich gelegentlich von Fotografien Joachim Brohms inspirieren lassen. Was okay ist, denn die beiden sind befreundet, und Brohm hat sich revanchiert: Angeregt durch Otterbachs Bilderzyklus "Culatra" reiste der Fotograf 2008 auf die portugiesische Insel gleichen Namens. Die Berliner Fotogalerie Kicken zeigt nun Brohms "Culatra"-Serie, es ist ein Blick auf die Rückseite des Paradieses. In den Fotos gibt es keine Palmen zu sehen, keine Meeresbrandung und keine Inselschönheiten in der Strandbar. Stattdessen: wackelige Wellblechhütten im Sand, armselige Wohnhäuser, ein sonnengebleichtes Boot, das auf dem Trockenen sitzt. Es erfordert Talent, solche Motive nicht trostlos erscheinen zu lassen. Nach dem Besuch von Brohms Ausstellung will man gleich einen dreiwöchigen Pauschalurlaub auf dem öden Eiland buchen. (Bis 17. Dezember, Linienstraße 161A, Mitte)

Von der unwahrscheinlichen Trauminsel Culatra zur Traumfabrik Hollywood: Der kalifornische Künstler Alex Israel findet seine Inspiration in der Filmindustrie. Die Skulpturen, die er bei Peres Projects zeigt, hat er sich nicht etwa selbst ausgedacht, sondern er hat sie aus dem Requisitenfundus eines Filmstudios ausgeliehen. Die Idee, bereits existierende Gegenstände zum Kunstobjekt aufzusockeln, stammt ursprünglich von Marcel Duchamp - und eine klare Referenz an den Vater der Konzeptkunst ist nun in Israels Ausstellung das Fahrrad, das auf einer weißen Platte steht. (Duchamp erklärte einst ein handelsübliches Fahrrad-Rad zum Kunstwerk.) Zu den weiteren von Israel ausgewählten Requisiten gehören eine Gitarre, ein Anker, ein Plastikschwan, eine pseudoantike Katzenskulptur oder eine Hand aus falschem Marmor. Auf ziemlich intelligente Weise stellt der Künstler so nicht nur die eigene Kreativität, sondern auch die Idee, was heute eine Skulptur sein kann, in Frage. Das Interessante ist, dass alles an seiner Ausstellung irgendwie unecht und kulissenhaft wirkt aber in der Kombination trotzdem originell erscheint. (Bis 5. November, Schlesische Straße 26, Kreuzberg)

Der dritte Kollaborateur der Woche ist Dominik Lejman. Ohne die Hilfe einer kunstsinnigen Fallschirmspringertruppe wäre seine Ausstellung bei Zak/Branicka nicht zustande gekommen. Der Künstler bat sie, das sternenförmige Gewölbe der Kathedrale von Durham am Himmel nachzubilden. Tatsächlich kann man in Lejmans Film "60 sec. Cathedral" (2011) sehen, wie es den Fallschirmspringern gelingt, sich knapp eine Minute zu einem Doppelkreis zu formieren. Der Film ist ganz lustig anzusehen. Ob man das flüchtige Zusammentreffen aber als ernsthafte Auseinandersetzung mit der Gattung Malerei verstehen sollte - so wie der Künstler vorschlägt - wage ich zu bezweifeln. Dafür fehlt es Lejmans Kunstproduktion doch an Fallhöhe. (Bis 12. November, Lindenstr. 35, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien